Vortrag 92-jährige Rachel Dror berichtet in Kirchberg über jüdische Sitten und Gebräuche

Kirchberg / HARTMUT VOLK 22.03.2013
Auf lebendige und anschauliche Weise berichtete die 92-jährige Rachel Dror, die als Jüdin vor den Nazis nach Palästina flüchtete, in der Kirchberger "fabrik" über "Jüdische Sitten und Gebräuche".

"Sie haben uns einen hochinteressanten Einblick in eine bisher unbekannte Welt gegeben", resümierte Wildis Streng, die Leiterin des Kulturzentrums der Schlossschule, nach den Ausführungen der hochbetagten und geistig hellwachen Referentin. Als eine der wenigen Holocaust-Überlebenden aus ihrer Familie fühlt sich Rachel Dror als Zeitzeugin verpflichtet, vor allem junge Menschen für einen humanitären Umgang mit Minderheiten zu sensibilisieren. Sie engagiert sich seit vielen Jahren mit Vorträgen an Schulen für den Dialog zwischen Kulturen und Religionen.

Im Rahmen der aktuellen fabrik-Vortragsreihe zu den monotheistischen Weltreligionen informierte die Stuttgarter Synagogenführerin nun über das von einem komplexen Regelwerk an Ge- und Verboten geprägte religiöse Leben der orthodoxen Juden. "Alles, was ich Ihnen erzähle, habe ich nicht aus Büchern, sondern aus den Dingen, in denen meine Eltern mir Vorbilder waren", betonte die Tochter streng gläubiger jüdischer Eltern. Obwohl sie selbst nicht ganz genau nach den strengen Gesetzen lebt - "Ich tue das, was ich meine, dass es für mich richtig ist", ist sie ihren Eltern sehr dankbar für ihre religiöse Erziehung und betrachtet sie als wertvolles Fundament der Persönlichkeitsbildung.

Vor allem die Rituale der Sabbatfeier und der hohen jüdischen Festtage haben sich tief in ihre Seele eingeprägt: "Bei uns stehen die Kinder an erster Stelle", berichtet Rachel Dror.

Jedes Gesetz hat seinen Grund und seinen Sinn

Lebendig schildert sie, wie im Kreise ihrer Familie gebetet, gesungen und gespeist wurde, und veranschaulicht ihre Ausführungen mit den mitgebrachten Kultgegenständen wie der Kippa (Gebetsmütze), den Teffilin (Gebetsriemen) oder dem Tallit (Gebetsmantel). Dass sie als Frau diese Utensilien erst berühren darf, nachdem sie nicht mehr für religiöse Zeremonien genutzt werden, ist für sie kein Indiz für die Unterdrückung der Frau im Judentum. Auch dass orthodoxe Juden keine Rabbinerinnen anerkennen, akzeptiert die emanzipierte ehemalige Tel Aviver Verkehrspolizistin und spätere Lehrerin: "Jedes Gesetz hat seinen Grund und seinen Sinn."

Das Gesetzeswerk regle die unterschiedlichen Aufgabenbereiche für Mann und Frau, wobei den Frauen weniger Ge- und Verbote vorgeschrieben seien als den Männern. "Wir Frauen sind etwas Besonderes im Judentum", konstatiert sie, und hebt immer wieder die besondere Wertschätzung hervor, die die Frau als Herz der Familie und Gestalterin aller sozialen Belange erfährt. Sie komme besonders in den Dankesgebeten des Mannes für seine Frau zum Ausdruck.

Dass die vornehmlich junge Zuhörerschaft den oft religionswissenschaftlich differenzierten Ausführungen zwei Stunden gebannt zuhörte, lag nicht zuletzt an dem jugendlichen Charme und der geistigen Frische der Referentin, die sie sich über ihre durchlebten Schicksalsabgründe hinauf bis ins hohe Alter bewahrt hat.