Wenn Dinge im Fluss sind, kann das mehrerlei bedeuten. Es gibt die Möglichkeit, einfach mit dem Strom zu schwimmen, womöglich gar auf ein unbekanntes Ziel zu. Oder es finden sich Nebenflüsse oder Alt­arme, wo sich nicht mehr viel bewegt. Manch einer setzt sich sogar an die Spitze der Bewegung und rudert vorneweg. Und: In Stromschnellen droht das Chaos. In welche Richtung die „Industrie 4.0“ driftet, ist nach dem jüngsten Treffen des Arbeitskreises Schule und Wirtschaft allerdings eher unklar geblieben.

Nur gut also, dass es an der Gewerblichen Schule Crailsheim (GSC) die „Lernfabrik 4.0“ gibt, die nicht nur Orientierung bieten, sondern auch klarmachen kann, worum es überhaupt geht. Denn das schien am Mittwoch eigentlich das Grundproblem des Arbeitskreises zu sein, der sich im aktuellen Schuljahr aufs Thema „Berufsorientierung 4.0 im Spannungsfeld zwischen Schule und Wirtschaft“ eingeschworen hat.

Die „Flucht ins Konkrete“

Gut 60 Vertreter aus Schulen und Unternehmen hörten dazu Referate von Dr. Walter Kicherer vom Kultusministerium und Uwe Deubel von der Industrie- und Handelskammer. Die Vor-Ort-Besichtigung der „Lernfabrik“ mit ihren virtuellen und handfesten Möglichkeiten stellte da eher so etwas wie die „Flucht ins Konkrete“ dar.

Und dafür waren die Teilnehmer dieses Infonachmittags ausgesprochen dankbar, nachdem Dr. Kicherer zwar jede Menge Grundsatzüberlegungen aus seinem Stuttgarter Referat „Medienpädagogik und digitale Bildung“ vorgestellt hatte. Zugleich vermittelte er, dass die Kultusbürokratie an den Schulen zwar auf dem Sprung in die digitale Welt ist, dies und das und jenes evaluiert, die zentralen Handlungsfelder aber noch mit Inhalt füllen muss. Vor allem fehle es an Infrastruktur auf dem Lande, hieß es. Folge: Es wird teuer. Auch an der methodischen und didaktischen Verankerung, so der Ingenieur und Lehrer, werde gewerkelt.

So weit, so gut. Der zweite Referent, der bei der IHK für Bildungsprojekte zuständige Uwe Deubel, blieb noch weniger konkret. Industrie und Handel bauten zwar auf „4.0“, setzten aber die Basis für digitale Kompetenz bei jungen Leuten bewusst niedrig an, sagte er. Das werde durch Umfragen bestätigt, sagte Deubel, der die Resultate analysierte. Sein Fazit: Bei den meisten an der Befragung teilnehmenden Firmen taucht digitale Kompetenz allenfalls am Rande ihres Anforderungsprofils auf. Das indes wird in puncto „Ausbildungsreife“ beherrscht von Kriterien wie Ausdrucksvermögen, Leistungsbereitschaft und Motivation. Am Rande: Absoluter Nebenaspekt ist die in vielen Schultypen so hoch gehandelte Teamfähigkeit. Sie rangiert ganz unten auf der Skala der Ansprüche.

Zu Beginn wurde es schon bei der Definition von „4.0“ schwierig. Wikipedia halte keine eindeutigen Erkenntnisse bereit. Dabei sei Digitalisierung mehr als die Bereitstellung von WLAN und Tablets in den Schulen, sagte Uwe Deubel, wobei es selbst daran oft genug hapere. Was 4.0 bedeutet, machte wohl erst Jan Rieger vielen seiner Gäste deutlich. 1.0 steht demnach für die Dampfmaschine, 2.0 für Fließbandarbeit, 3.0 für PCs „und bei 4.0, der Vernetzung der Dinge und der Menschen, sind wir gerade mittendrin“, so der Studienrat und IT-Experte,

Was bereits geht, wurde in der Lernfabrik und im benachbarten virtuellen Unterrichtsraum deutlich: Die Besucher inklusive AK- Leiter Thomas Kuhn zeigten sich beeindruckt bis begeistert. Die 4.0-gemäß programmierbare und vom Nebenraum aus virtuell kontrollierbare modulare Abfüllanlage ist etwas, mit dem die Crailsheimer als Modellschule absolut prot­zen können. Während andere um Infrastruktur kämpfen, hat an der GSC in Crailsheim die 4.0-Zukunft begonnen.