Region 100 Jahre Erster Weltkrieg (15): Exotische Truppe im Schnee

Region / MANFRED MÜHLENSTEDT 05.11.2014
Der deutsche Posten in den Hochvogesen machte Meldung: "Eine Pulverschneewolke, einen Daumensprung links der Wächte am Gipfel, kommt auf uns zu." Es war aber kein Schnee, es waren französische Alpenjäger, die auf Schneeschuhen herangebraust kamen, feuerten und verschwanden.

Die württembergischen Infanteristen, die in ihren Stellungen frierend im mannshohen Schnee saßen, kamen gegen die französischen Alpenjäger, die "Skieurs", nicht an. Zu flink, zu schnell, zu beweglich waren die Gegner. Das Königlich-Württembergische Kriegsministerium musste reagieren. Denn die Gipfel der Vogesen hatten strategische Bedeutung. Wer oben saß, beherrschte auch die Täler. Und von den Tälern bis in die Rheinebene war es nicht weit.

Eine Eingabe des Deutschen Skiverbandes an das Kriegsministerium in Stuttgart lag damals bereits auf dem Tisch: "Der Deutsche Skiverband beabsichtigt die Organisation eines freiwilligen Skikorps und hat für Württemberg den Schwäbischen Schneeschuhbund beauftragt, diese Angelegenheit entsprechend zu behandeln." Der württembergische Kriegsminister aber hatte Bedenken, zumindest in "disziplinarischer" Hinsicht. Sollten etwa irgendwelche Allgäuer und Schwarzwälder Bauernburschen, zudem noch mit eigenem Gerät (Skiern), die preußische Armee verstärken? Doch der Krieg zimmerte seine eigenen Gesetze. Die Schneeschuhläufer wurden dringend gebraucht. Seit Jahrhunderten waren in den nordischen Ländern wie Schweden und Norwegen "Jäger auf hölzernen Pferden" unterwegs, im schneearmen Württemberg waren sie eher exotische Erscheinungen.

Der Aufruf an die Schneeschuhläufer erging noch im Winter 1914/15. In Baienfurt bei Weingar-ten in Oberschwaben sammelten sich die Freiwilligen, alle ausgestattet mit Begeisterung und der eigenen Ausrüstung. Erwin Mühlenstedt war einer davon. Sein Sohn schlug Jahrzehnte später Wurzeln in Hohenlohe.

Erwin Mühlenstedt hat Tagebuch geschrieben. Von Anfang an muss ein ganz eigener Geist die bunt zusammengewürfelte Truppe beseelt haben. Bei der "1. Württembergischen Schneeschuhkompanie" trafen die verschiedensten Burschen aufeinander: Wettergegerbte Allgäuer, knorzige Holzfäller aus dem Schwarzwald - aber auch Romantiker aus den Schreibstuben der Hauptstadt Stuttgart wie Erwin Mühlenstedt, die das Bergsteigen und Schneeschuhfahren als Freizeitsport betrieben. Die Regiments-Liste verzeichnet auch Rekruten aus Jagstheim und Niederstetten.

Der Dienst war sportlich und fordernd. Erwin Mühlenstedt mit seinen 32 Jahren hatte wohl einige Mühe. Beim Schießen und "Escaladieren" (Klettern an der senkrechten Wand) waren ihm die jungen Kameraden über. Es fehlte dem Büromenschen an "Armschmalz", wie er in seinem Tagebuch bekennt.

Schon im Januar 1915 ging es an die Front. In den Vogesen war Unterstützung dringend nötig. Die dortigen Landwehr-Kompanien hatten den französischen "Chasseurs" (Jägern) nichts entgegenzusetzen. Die Schneeschuhläufer bewährten sich. Auch Erwin Mühlenstedt, als "Telefoner" eher im rückwärtigen Bereich unterwegs, war dabei. Doch sein Auftrag änderte sich. Ab Oktober 1915 wurde ein gewisser Oberleutnant Erwin Rommel Kompanieführer beim württembergischen Gebirgsbataillon. Für seinen Einsatz erhielt Rommel im Dezember 1917 den Orden "Pour le Mérite".

Erwin Mühlenstedt lernte Rommel als "kühnen und schneidigen Offizier" während der Kämpfe in Siebenbürgen kennen, der die neue Technologie "Telefon" an vorderster Front nutzt. Und es kam, wie es kommen musste: "Bei einer Vorwärtsbewegung im Anstieg auf den Berg Cosna erhielt ich einen Gewehrschuss in den rechten Oberarm. Der Knochen war durchschossen und mein Arm fiel sofort schlapp herab...Dann kam eine rumänische Patrouille vorbei. Einer der Soldaten entlud mein Gewehr, ein zweiter schlenderte meinen Telefonelementkasten weit fort, ein dritter versuchte mir den Goldreif vom Finger zu streifen" - berichtet Erwin Mühlenstedt von seiner Verwundung. Glücklicherweise hatte er noch tags zuvor "gefasste" Zigarren in der Brusttasche. Die gab er gerne her - und behielt seine Freiheit und sein Leben. Sein Kriegsdienst war damit zu Ende. Aber er sinnierte später gerne darüber, ob sein Leben nur fünf Zigarren wert war - was ihm etwas billig schien.

Mit seinem Kompanieführer Erwin Rommel, dem späteren Generalfeldmarschall im Zweiten Weltkrieg und Befehlshaber des "Afrikakorps", hat er fast lebenslang Kontakt gehalten und korrespondiert.

Die Serie geht weiter

Das Hohenloher Tagblatt rückt in einer wöchentlich erscheinenden Serie den Ersten Weltkrieg und seine Auswirkungen insbesondere auf Hohenlohe in den Blickpunkt. Alle Teile gibt es gesammelt im Internet unter der Adresse www.swp.de/erster-weltkrieg.

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Der Krieg als Urkatastrophe

HT