Welche Zustände herrschen nach Kriegsende in Künzelsau? „Es ging alles drunter und drüber. Mit einem Mal gab es andere Machtverhältnisse“, beschreibt Lisel Heise die Situation. Schulen wurden von einem Tag auf den nächsten geschlossen, Rektoren inhaftiert, die amerikanische Flagge gehisst.

Die betagte Dame, Jahrgang 1919, lebt heute in ihrer Heimatstadt Kirchheimbolanden in Rheinland-Pfalz.

Dort kandidiert die 100-Jährige am 26. Mai erstmals für den Stadtrat.

Sie erinnert sich genau an ihre Jahre in Künzelsau. Mit Anfang 20 wird sie als junge Lehrerin nach Künzelsau versetzt, den Abschluss hat sie gerade frisch in der Tasche. Das ist im Jahr 1940. Sie unterrichtet an der Landwirtschaftsschule Künzelsau Nahrungslehre, Ackerbau, Viehzucht und Sport. „Künzelsau war wie eine zweite Heimat für mich. Ich habe sehr gerne dort gelebt.“ Selbst ihre Wohnungsadresse hat die 100-Jährige im Kopf: Am Morsbacher Tor, gegenüber dem Musikalischen Gymnasium, dem heutigen Schlossgymnasium.

Politisch gesehen war es gewiss eine schlechte Zeit, wenn man kontra eingestellt war, wie sie sagt. „Da hat man sehr gefährlich gelebt, auch in Künzelsau.“ In vertraulichen Gesprächen habe sie deutlich gesagt, dass sie es falsch findet, was im Land passiere. Aber Lisel Heise musste vorsichtig sein. Die junge Frau wusste das aus eigener Erfahrung. Ihr Vater war in Kirchheimbolanden Stadtrat. „Als es mit den Synagogenverbrennungen losging, hat er einmal während einer Gremiumssitzung gesagt, dass er dagegen ist.“ Immerhin hatten die Juden im Ersten Weltkrieg genauso den Kopf hingehalten wie alle anderen.

Vater eingesperrt: Er war gegen Synagogenverbrennungen

Gleich nach der Stadtratssitzung wurde er festgenommen und für vier Wochen eingesperrt.

Geschäftspartner boykottierten von nun an seine Schuhfabrik, kurz darauf musste er schließen.

Eine Person aus der Zeit in Künzelsau hat die Seniorin noch genau vor Augen: „An Adolf Würth und seinen kleinen Laden in der Hauptstraße erinnere ich mich gut.“ Mit dem Vater von Reinhold Würth stand sie in regem Kontakt. „Wenn ich mit einer Klasse mal raus zu den Landwirten gefahren bin, hat mich Adolf Würth oft gefragt, ob ich gleich die Schrauben mitnehmen kann, die der Landwirt bei ihm bestellt hatte.“ Kein Problem, sie ist ja eh dort. Wer hätte zu diesem Zeitpunkt geahnt, dass aus dem Schraubenlädle mal ein Weltkonzern wird?

100-Jährige geht auf die Barrikaden

Sieht sie heute die Demokratie gefährdet? „Ja.“ Die Antwort kommt schnell, sie zögert kein bisschen. Die erfahrene Frau sieht im Kapitalismus die größte Gefahr. Sie betrachte die Welt um sich herum, insbesondere die Politik, sehr genau. In ihren Augen gehe es meist nur noch ums Geld, nicht mehr ums Gemeinwohl. „Überall werden die Freibäder geschlossen. Dabei ist Schwimmen in der frischen Luft der gesündeste Sport überhaupt.“

Das ist das Thema der ehemaligen Leistungsschwimmerin, was sie bewegt, wofür die 100-jährige Dame auf die Barrikaden geht. In ihrer Heimatstadt wollte Lisel Heise bei einer öffentlichen Sitzung zur Freibadschließung ihre Wut ablassen, „da hat man mir das Mikrofon abgestellt. Ist das etwa Demokratie?“ Außerdem sagt sie: „Ich mache mir große Sorgen um die Zukunft meiner Enkel und Urenkel. Deshalb werde ich jetzt laut und trete ein für die wahre Demokratie.“

Ihre Familie findet das politische Engagement ihrer rebellischen Oma klasse. Doch warum erst jetzt, im Alter von 100 Jahren? „Das ist ganz einfach: weil ich jetzt erst die Zeit dazu habe.

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Kandidatur auf Listenplatz 20


Lisel Heise wird im März 1919 in Kirchheimbolanden in Rheinland-Pfalz geboren. Nach dem Abitur studiert sie Lehramt. 1940 kommt sie nach Künzelsau, wo sie an der Landwirtschaftsschule unterrichtet. 1945 wird die Schule geschlossen, Heise wird nach Blaufelden versetzt. Als ihr Mann 1949 aus Kriegsgefangenschaft heimkehrt, zieht das Paar in ihre Heimatstadt Kirchheimbolanden zurück. Heute steht die Seniorin für die Gruppe „Wir für Kibo“ auf der Wahlliste des Stadtrates. Damit dürfte sie die älteste jemals registrierte Kandidatin für ein politisches Amt sein. Sollte sie es ins Gremium schaffen, will sich die ehemalige Leistungsschwimmerin für ein neues Freibad einsetzen. Mit Listenplatz 20 sind ihre Aussichten aber eher schlecht. Lisel Heise hat vier Kinder, zehn Enkel und sechs Urenkel. sar

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