Neue Musik Zerhackte Karotten und magische Monologe

Der Fagottist beim Karottenhacken: Das Konzert mit Johannes Schwarz legte neue Tonspuren.
Der Fagottist beim Karottenhacken: Das Konzert mit Johannes Schwarz legte neue Tonspuren. © Foto: Susanne Eckstein
Reutlingen / Susanne Eckstein 25.10.2018

Was ist Musik? Was ist überhaupt Kunst? Mit diesen Fragen konnte einen dieser Abend konfrontieren; das Programm sprengte den Rahmen eines konventionellen Konzerts. Präsentiert wurde er von Fagottist Johannes Schwarz, Mitglied des „Ensemble Modern“, vielseitiger Musiker und Hochschuldozent, sowie – in enger Kooperation – Tonmeister Sebastian Schottke, unter anderem am ZKM Karlsruhe tätig.

Der eine stand mit seinem Fagott vor dem Publikum am Notenpult, blies, erzählte und moderierte, der andere saß im Dunkel hinter den Reihen. So entstand die Illusion einer magischen Bühne: Man sieht nur eine Person, hört aber mehrere Stimmen.

Gemeinsam boten sie „neue Musik“ nach der gängigen, fast schon traditionellen Zielsetzung der meisten „neu“ Komponierenden: die alternativen Möglichkeiten eines Musikinstruments, so weit wie möglich auszureizen und daraus expressive Einheiten zu formen, nun erweitert durch die elektronische Komponente, die in einer Art Selbstbefruchtung (das meint der Titel „Autogamie“) die Solo-Klänge vervielfacht.

Tonumfang und Beweglichkeit von Fagott und Rohrblatt bieten dafür beste Chancen, und Johannes Schwarz nutzte sie mit herausragendem Können.

Nur zwei Stücke beschränkten sich auf das Fagott in natura: „edre V“ von Pierluigi Billone, mit seinem rau blubbernden, sich biegenden und überbläsenden Atem erkundete es den Raum abseits des „schönen Tons“; später, im zweiten Teil, sechs vierstimmige Inventionen für Solofagott von Tom Johnson, in denen Johannes Schwarz fiktive Mehrstimmigkeit à la Bach als eine karge, doch technisch anspruchsvolle Minimal Music umzusetzen hatte.

Schon der Beginn mit einer „Traumtanztrance“ von Periklis Liakakis bot Solo-Mehrstimmigkeit im Wechselspiel von Fagott und Fagott-Imitat aus den Boxen. Meist vollzog sich die elektroakustische Bearbeitung in einem künstlichen Nachklang: Der real angespielte Ton zieht einen Rattenschwanz verwandelter Töne nach sich und bildet mit diesem einen mehrstimmigen Monolog; so in „Autogamie“ von Sascha Dragicevic.

Dieser nutzte auch die Playback-Technik: Den ursprünglich vorgesehenen Streichquartett-Part in „più“ ersetzte er durch Steeldrum-Tröpfeln aus der Konserve, wobei der Dialog in einen Wettlauf von Mensch und Maschine mündet. Dem Muster „Instrument hält Zwiesprache mit seinem Nachklang“ entsprach auch „Trace lumineuse I“ von Matthias S. Krüger, das hier unter Anwesenheit des Komponisten seine Uraufführung mit Live-Elektronik erfuhr.

Frischen Wind brachten (abgesehen von der Zugluft im Saal) die Beiträge von Mark Applebaum ins Geschehen. Das eine Stück wurde zusätzlich ins Programm eingefügt: die „pre-composition“, ein räumlich abgebildetes Selbstgespräch zu viert, in dem der Tonsetzer (auf Englisch) ein Stück entwirft – Selbstreferenzialität kann auch lustig sein. Das andere hatte mit Musik nur den geräuschhaften Anteil gemeinsam: „Echolalia“ gehört wohl zur Sparte „Fluxus“.

Geräusche mit dem Bohrer

Hier betätigte sich Johannes Schwarz (ohne Fagott) als Heimwerker an einem Tisch mit Alltagsgegenständen, wobei die beim Sägen, Bohren oder Karottenhacken produzierten Geräusche mittels Elektronik stark vergrößert über die Boxen kamen.

Wo war die Botschaft? War das Kunst – oder eher nicht? Dennoch: viel Applaus für Schwarz und Schottke.

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