Reutlingen Wo Paula schnauft und raucht

Von Gabriele Böhm 08.09.2018

Frauen und Männer, Mädchen und Jungen – alle hatten Spaß mit „Paula“. Fahrten mit der historischen Dampflok waren der Hit bei der zweiten Sommerhockete des Vereins Freunde der Zahnradbahn Honau-Lichtenstein am Reutlinger Westbahnhof.

Mittags hatte sich der Verein mit der Lok wie jedes Jahr am Kinderferienprogramm der Stadt beteiligt. „Wir sind nach Betzingen gefahren“, berichtet Pressereferent Michael Ulbricht. „Dort konnten die Kinder an einem Schienenfahrrad gut das Prinzip des Fahrens auf Schienen oder des Reibungswiderstands erkennen.“ Natürlich durften sie auch mal in den Führerstand der Lok klettern.

„Paula“ hat 900 PS, kann 50 Stundenkilometer erreichen und heißt eigentlich „Nr. 97 501“. Doch das war den Eisenbahnfreunden zu kompliziert, sie wählten einen richtigen Namen aus. „Gerüchteweise soll die damalige Kantinenwirtin so geheißen haben“, sagt Ulbricht. Bis 1962 fuhr Paula von Honau bis nach Münsingen und schnaufte die Alb hinauf. Die Lok ist mit einer eingebauten Zahnstange auch als Zahnradbahn ausgelegt. „Es ist eine Besonderheit, dass sie beides kann“, sagt der erste Lokführer Heiner Weiß. 1969 wurde Paula endgültig stillgelegt.

Doch dann kam sie in den Besitz des 1985 gegründeten Vereins, der sie ab 1986 liebevoll wieder instand setzte. „Im April 2012 war alles fertig, die Lok wurde unter Anwesenheit von Prominenz getauft“, erinnert sich Ulbricht. Doch die Lok war noch nicht für den öffentlichen Schienenverkehr zugelassen. Das Nachrüsten auf den aktuellen Sicherheitsstandard dauerte weitere fünf Jahre und kostete etwa 40 000 Euro. „Gut, dass wie vorher nicht gewusst haben, welche Arbeit mit der Restaurierung verbunden war, sonst hätten wir vermutlich gar nicht erst angefangen.“

Erst im April diesen Jahres  fand dann die offizielle Einweihung der Lok statt. Man sei der Stadt dankbar, dass sie dem Verein das Gelände mit Werkstatt am Westbahnhof günstig überlasse. „Dafür beteiligen wir uns an der Gleispflege.“ Ein Eisenbahnverkehrsunternehmen mache die logistische Abwicklung, wann der historische Zug fahren könne.

Der Aufwand hat sich jedenfalls gelohnt. Das stattliche Dampfross raucht, schnauft und tutet, was das Zeug hält und ist weithin zu hören. Voller Aufregung warteten die Passagiere auf dem Bahnsteig, um in den beiden angehängten Waggons mitzufahren. Doch zuvor galt es für die Vereinsexperten, die letzten gründlichen Kontrollen durchzuführen. Thomas Schenkel, der zweite Lokführer, ließ einen Dampfstrahl zischen, um die Dampfheizung zu prüfen. Viele weitere Kontrollen und Absprachen folgten – Fachchinesisch für Nicht-Eisenbahner. Bereits um 5 Uhr morgens hatte Heiner Weiß die Lok angeheizt. „Man braucht zum Fahren einen Lokführer und einen Heizer, der unermüdlichen Kohlen in den Kessel schippt“, erklärt er. „Abends weiß er dann, was er getan hat.“

„Einen historischen Zug zu fahren, bedeutet viel Wartung und Instandhaltung mit körperlich schwerer, schmutziger Arbeit“, so Weiß, der eine Ausbildung als Lokführer und als Heizer hat. Von Beruf ist er Fahrdienstleiter bei der Bahn. „Da sitzt man den ganzen Tag vor Bildschirmen, das ist ganz was anderes.“

In der alten Lok mit dem offenen Führerhaus sei es zugig und vor allem im Winter alles andere als angenehm. „Von vorne ist es heiß, im Rücken bis zu minus 20 Grad kalt.“

Mit großem personellem Aufwand müsse vor jeder Fahrt vier bis fünf Stunden aufgeheizt und auf den Zwischenbahnhöfen regelmäßig Kohle und Wasser nachgefüllt werden. Und trotzdem hänge man mit Leidenschaft an der historischen Lok: „Für mich ist es einfach faszinierend, wenn aus Feuer und Wasser Energie gewonnen wird.“ Die alte Dame sei fast wie ein lebendiges Wesen. „Man hört ihr die Anstrengung deutlich an.“

Am Dienstagabend ging es drei Mal auf Industriegleisen, der alten Eisenbahnstrecke Reutlingen-Gönningen, nach Betzingen. Wer gerade nicht mitfuhr, genoss Essen und Getränke oder sah sich die Eisenbahnmodelle an, die die Modellbaugruppe „Spur 1 Stammtisch“ aufgebaut hatte.

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