Reutlingen Putin mit Nüssen

Einer der bekanntesten Autoren in Deutschland: Wladimir Kaminer war zu Gast im franz.K.
Einer der bekanntesten Autoren in Deutschland: Wladimir Kaminer war zu Gast im franz.K. © Foto: Jürgen Spieß
Jürgen Spieß 12.01.2018

Der 50-jährige Autor Wladimir Kaminer war 1990 aus Moskau nach Berlin gekommen – für einen Kurzurlaub. Doch er blieb und lebt seither mit seiner Familie am Prenzlauer Berg. Jetzt plauderte er im vollen franz.K und las ab und an auch aus seinem neuen Buch „Einige Dinge, die ich über meine Frau weiß“.

Wladimir Kaminer ist ein Phänomen. Nicht nur, dass der Erfolgsautor mit dem schelmischen Grinsen immer auf dem Sprung ist, vom Text abzuschweifen und skurrile Miniaturstorys zu erzählen. Er versteht es auch zu improvisieren und eine Lesung unvorhersehbar zu gestalten. So erzählt er im franz.K viel über sein noch gar nicht erschienenes Buch, das von einer Lesereise auf einem Kreuzfahrtschiff von Barcelona nach Miami handelt, oder er fragt sein Publikum gleich zu Beginn: „Darf ich Ihnen eine Weihnachtsgeschichte vorlesen?“ Natürlich ist das Publikum neugierig und der Zweck erfüllt: Das Eis zwischen Autor und Besucher ist gebrochen. Dabei war der gebürtige Russe ja gekommen, um aus seinem neuen Werk „Einige Dinge, die ich über meine Frau weiß“ vorzulesen. Aber dazu steht Wladimir Kaminer ganz offensichtlich nicht der Sinn – zumindest jetzt noch nicht.

Er greift zunächst auf ältere oder noch nicht veröffentlichte Texte zurück, in denen er sein ambivalentes Verhältnis zu seinem Heimatland beschreibt. Etwa auf die Geschichte über eine Reise nach St. Petersburg, wo er dem hundertjährigen Jubiläum der Oktober-Revolution nachspürt. Während man in Deutschland an jeder Ecke auf das Thema stoße, scheine man sich in Russland zu weigern, die eigene Vergangenheit zu konfrontieren: „Der Russe lebt zwischen einer Vergangenheit, die er nicht kennt, und der Zukunft, in der er schon war“. Und weiter: Seine Landsleute seien überall leicht an ihren schweren goldenen Halsketten zu erkennen und in den St. Petersburger Souvenirshops gäbe es eine große Auswahl an Matrjoschkas „Made in China“ sowie Putin-Schokolade mit Nüssen oder Bittergeschmack: „Nehmen Sie eine“, so die Verkäuferin, „sonst geht er nie!“

Kaminer improvisiert, schweift ab, erzählt über seine Schwiegermutter und deren 60 Jahre alten Kühlschrank, „der auch als Bunker genutzt wird, weil dessen dicke Wände keine radioaktiven Strahlen durchlassen“. Seine Figuren und seine Sicht auf die Welt sind leichtsinnig, liebenswürdig, etwas naiv und verschroben. Was da unter der Camouflage eines Romans daherkommt, ist in Wirklichkeit eine große Geschichte mit vielen kleinen darin. Meist springt Kaminer unstrukturiert und jenseits aller physikalischen Gesetze wüst in den Zeitläufen herum. Erst nach einer längeren Einführung liest Deutschlands Vorzeige-Russe aus seinem neuen Buch. Darin geht es um die jährlich wiederkehrende Winterdepression seiner Frau Olga, die sie durch den Kauf von Handtaschen und Kleidern zu überwinden sucht.

Oder er erzählt die Geschichte von den wunderschönen portugiesischen Servietten, die ihren festen Platz in der Schublade der Kaminers gefunden haben „und den portugiesischen Händlern den Bau eines veritablen Häuschens ermöglichte“. Wie sein Debüt „Russendisco“ brillieren auch Kaminers neue Texte durch ihre herrlich lakonische Diktion. Obwohl er damit stets die kleinen Dinge und Begebenheiten einfängt, schimmern die umwälzenden politischen Geschehnisse der letzten drei Jahrzehnte stets durch. Wunderbare Eskapaden wie sein Erlebnis mit Plastikflaschen aufsammelnden Schwaben in Griechenland („Gebt uns Griechenland für drei Jahre und wir machen hier Ordnung“) laden ein, die kulturellen Eigenheiten der alten Sowjetunion und westlicher Nationen ohne anstrengende Nebenwirkungen zu genießen.

Spannend über banale Alltagsgeschichten zu erzählen, zählt gewiss zu den schwierigsten Aufgaben eines Autors. Dem Melancholiker und Ironiker Wladimir Kaminer gelingt dies in vielen seiner Texte. Denn er hat als versierter Überlebenskünstler einen Sinn für Situationskomik und versteht es, im Alltäglichen die schrägen Momente zu entdecken.

50

Jahre alt ist Wladimir Kaminer, der 1990 nach Berlin kam und dort seine Karriere begann. Inzwischen wurden mehr als drei Millionen seiner Werke verkauft.