Hier die Württembergische Philharmonie, dort die Münsinger Schüler. Hier die Orchesterprobe in Reutlingen, dort der ländliche Raum, in den sie übertragen wird. Auf beiden Seiten: gespannte Erwachsene und Jugendliche, die nicht so recht wissen, was auf sie zukommt, die aber Teil eines Projektes sind, „das es bundesweit in dieser Form noch nicht gibt“, wie Landrat Thomas Reumann am Mittwoch verkündete. Die Premiere, die da auf pädagogisch-kultureller Ebene bevorsteht, ist für den 21. November terminiert. Punkt 10 Uhr soll das gut einstündige Live-Streaming einer Orchesterprobe beginnen, die zwar in der Reutlinger Marie-Curie-Straße stattfindet, aber gleichzeitig auch in der Münsinger Alenberghalle zu sehen und vor allem zu hören sein wird.

Das Vorhaben, das auf einer Idee der Dramaturgin der Württembergischen Philharmonie Reutlingen (WPR), Stefanie Eberhardt, beruht, ist sowohl für die Münsinger Realschule und das Gymnasium, wie auch für das Reutlinger Orchester eine Herausforderung, die gut vorbereitet sein will. Weshalb Dr. Dietmar Leichtle, der an der Gustav-Mesmer-Realschule und am Münsinger Gymnasium Musiklehrer ist, das Projekt auch jetzt bereits in den Unterricht der Fünftklässler einfließen lassen möchte.

Die Jungen und Mädchen, an beiden Schulen sind es insgesamt 160, werden dann am 21. November nicht nur Zeugen, sondern vor allem auch Akteure des Live-Streamings, das keine Einbahnstraße ist, sondern in beide Richtungen funktioniert. Die Schüler können via Übertragung an der Orchesterprobe teilnehmen, die Musiker wiederum können die Reaktionen der Jugendlichen beobachten und auf ihre Fragen eingehen. Wichtig, so WPR-Intendant Cornelius Grube, sei dabei die Interaktion. Oder wie es Musikvermittler Oliver Hauser, den die WPR extra für die zweijährige Projektdauer engagiert hat, sagt: „Es kommt auch auf die Portionierung an.“ Daher werden die drei Programm-Teile – die Ouvertüre aus Figaros Hochzeit, Auszüge aus dem Zauberlehrling und die Star-Wars-Suite – immer wieder unterbrochen, damit Schüler, Moderatoren und Musiker kommunizieren können. Auch der Basler Dirigent Thomas Herzog, den die WPR für das Projekt gewinnen konnte, würde sich richtiggehend „begeistern für diese ungewöhnliche und spannende Vermittlungsform“ von Kultur, zitiert Hauser den Dirigenten.

Ungewöhnlich dürfte die Orchesterprobe in der Tat werden: Denn es wird zugehen wie in einer Spielshow, bei der zwei Schülermannschaften gegeneinander antreten und bei der sie Fragen beantworten müssen. Wie viele Geigen im Orchester zu finden sind, könnte eine davon sein. Wer die meisten Punkte gesammelt hat, bekommt dann die eigens gestiftete WPR-Trophy. Moderiert wird das Streaming-Event in der Alenberghalle von einer Erwachsenen, im Probenraum der Philharmonie sollen zwei Schülerinnen diesen Part übernehmen.

Weil das Projekt bislang so einzigartig ist, wird es aus gleich zwei Fördertöpfen mitfinanziert. So wird LEADER, ein Programm, das innovative Vorhaben im Aktionsgebiet Mittlere Alb unterstützt, laut Landrat Thomas Reumann 60 Prozent der förderfähigen Kosten übernehmen, und TRAFO, das Modelle für Kultur im Wandel im Blick hat, wird weitere 30 Prozent der förderfähigen Kosten auffangen. Macht zusammen 90 Prozent oder umgerechnet 63 000 Euro, mit denen untermauert wird, wie wichtig die „Unterstützung von Kultureinrichtungen im ländlichen Raum ist“, wie Judith Bildhauer, Projektleiterin der Lernenden Kulturregion Schwäbische Alb, findet. Auch sie bewertet das Proben-Streaming als Vorzeigeprojekt, das durchaus Nachahmer finden könnte.

Insgesamt kostet das Vorhaben, das zwei Jahre dauert und neben dem Auftakt in Münsingen noch aus drei weiteren Orchester-Aktionen bestehen wird, 134 000 Euro. Die Hälfte davon, so Cornelius Grube, wird die WPR selbst zahlen. Wobei das Gros der Summe an externe Firmen gehen wird, die gewährleisten sollen, dass die Technik und die Tonübertragung auf einem entsprechend hohen Niveau stattfinden. Anfragen für weitere Live-Streamings hat die WPR übrigens schon – unter anderem von Volkshochschulen. Und damit das Projekt nicht nur Hand und Fuß, sondern auch eine Plakette hat, überreichte der Landrat am Mittwoch der WPR eine LEADER-Erläuterungstafel. Die dürfte bei der Übertragung am 21. November denn auch entsprechend groß im Bild erscheinen.