Tübingen. Wie kann man europäische Asylpolitik auf die Bühne bringen? Eine Antwort darauf versuchte die Regisseurin Pia Richter zu geben, indem sie den vieldiskutierten Roman „Erschlagt die Armen!“ von Shumona Sinha als perfide Dreieckskonstellation zwischen Beamtin, Dolmetscherin und Asylant inszeniert hat. Unlängst feierte die zornige Abrechnung mit der europäischen Asylpolitik am LTT Premiere.

In der Behörde geht es zu wie in einem Taubenschlag

In der Pariser Asylbehörde geht es zu wie in einem Taubenschlag. Ein Asylant nach dem anderen betritt das ungemütliche Befragungszimmer, das durch Lamellenvorhänge (Bühne und Kostüme: Julia Nussbaumer) hierarchisch unterteilt ist, und muss sich einer absurden Verhörsituation stellen. Es geht um die Gründe, weshalb der Antragsteller seine Heimat verließ und im gelobten Europa Asyl beantragt. Es geht darum, dass verzweifelte Menschen vor der Not fliehen, aber Armut kein Grund für Asyl ist. Viele Antragsteller wissen das und jeder auf dem Amt weiß, dass sie das wissen. Dass aus diesem Grund gelogen wird, was das Zeug hält, liegt auf der Hand. Gleichzeitig kann man die Hoffnungen jedes einzelnen Asyl-Antragstellers verstehen, der einfach auf der Suche nach einem besseren Leben ist. Im Mittelpunkt der Inszenierung stehen aber weder der Antragsteller noch die Beamtin, die den wahren Grund für die Flucht aus dem Asylanten herauszukitzeln versucht. Im Mittelpunkt steht die Dolmetscherin, die der Beamtin zuarbeitet und einst selbst von Indien nach Frankreich flüchtete. Sie sitzt förmlich zwischen den Fronten: auf der einen Seite die Antrag­steller, mit denen sie Hautfarbe und Herkunftsland teilt, auf der anderen Seite die Beamtin, welche „die französische Gesellschaft verkörpert, zu der sie unbedingt gehören will“. Eigentlich fühlt sie sich jedoch nirgendwo zugehörig, was durch die Ablehnung ihrer ungeschickten Annäherungsversuche gegenüber der Beamtin noch verstärkt wird.

Sozialer Sprengstoff

Wie dies die Regisseurin Pia Richter und Dramaturgin Laura Guhl in der Romanbearbeitung der 1973 in Kalkutta geborenen Shumona Sinha inszeniert haben, trifft es nicht nur den Nerv der Zeit, sondern bietet auch sozialen Sprengstoff, wie ihn das Leben nicht unbarmherziger schreiben könnte: Denn Richters Verdichtung von Sinhas’ Text ist ein schonungsloses und entlarvendes Psychogramm von einer Verzweifelten, die die Lügengeschichten der asylsuchenden Bittsteller durchschaut, aber gleichzeitig Empathie für sie empfindet. Schließlich ist sie mit deren Schicksal wohl vertraut, da sie es am eigenen Leib verspürt hat: Da sind die männlichen Flüchtlinge, die es kaum ertragen, den Fragen einer Frau antworten zu müssen und da ist auf der anderen Seite eine Behörde, die ihre Macht ausspielt und sich strikt an das Gesetz hält, das Wirtschaftsflüchtlingen kein Asyl gewährt.

Dieses Machtgefälle stürzt die Übersetzerin in eine schwere Identitätskrise. So beginnt und endet das Stück auch mit einem extremen Gewaltausbruch, bei der sich die Wut und der Frust, resultierend aus ungerechtfertigten Vorwürfen, Anschuldigungen und Missachtungen, in einem Mord der Dolmetscherin an einen Asylsuchenden entlädt. In der Pariser Metro zertrümmert sie eine Weinflasche auf dem Kopf eines Migranten, weil der sie körperlich bedrängt hat. Die drei Schauspieler Jennifer Kornprobst, Lisan Lantin und Rinaldo Steller, die sich in ihren Rollen als Asylsuchender, Dolmetscherin und Beamtin abwechseln, führen in rasantem Tempo durch die frustrierenden Verhöre und grotesken Interviewsituationen. Es wird gebrüllt, peinlich lange geschwiegen und die beiden Beamtinnen werden regelmäßig von Lachkrämpfen geschüttelt.

Das 70-minütige Stück zeigt: Gesellschaftspolitisches Theater kann  zynisch und hintergründig sein. Vor allem, wenn es um ein so brisantes Thema wie die Unzulänglichkeit des europäischen Asylsystems geht. Diese wird mit einem Satz auf den Punkt gebracht: „Menschenrechte enthalten nicht das Recht, dem Elend zu entkommen.“