Konstant ist mittlerweile der Wandel bei den Herbstlichen Musiktagen. Wen wundert’s, wie alle Klassikfestivals mit Tradition sucht auch die „wichtigste Kulturveranstaltung in Bad Urach“ (Bürgermeister Elmar Rebmann) nach einem neuen, jungen Publikum. Und Geschichte hat der Musikherbst: Gegründet im Jahr 1981, feiert der Uracher Klassiktreff im kommenden Jahr seine 40. Auflage.

Florian Prey gilt als vorsichtiger Erneuer der Herbstlichen Musiktage

Klar, dass Festivalleiter Florian Prey (bekanntlich der Sohn des einstigen Gründerleiters, Bariton Hermann Prey) da einiges neu denken will. Prey gilt als vorsichtiger Erneuerer, doch Brüche scheut er auch in diesem Jahr nicht. Einer steht gleich eingangs: Der gewohnte Festvortrag zum Auftakt fällt flach. Dafür gibt’s am Samstag, 28. September, in der Amanduskirche Beethoven satt, und zwar mit dem Odeon-Jugendsinfonierochester aus München.

Top-Tenor Jonas Kaufmann war Stammgast bei den Musiktagen

Kurz, Umbau ist immer, doch der Kern bleibt derselbe: Die Herbstlichen Musiktage sind über vier Jahrzehnte ein Festival des Gesangs geblieben, ein Forum für Nachwuchstalente und prominente Sänger – in Urach begegneten sich Stars wie Sopranistin Anna Prohaska und Top-Tenor Josef Kaufmann, der in den späten 90er und frühen 2000er-Jahren zu den Stammgästen zählte. Ein Konzept, das gepaart mit den jüngsten Experimenten, bis heute greift. Der Vorverkauf bislang laufe gut, die Konzerte sind wieder gefragt: „In jüngster Zeit haben wir neue Zuhörerkreise gewonnen,“ betont Urachs Kulturreferent Thomas Braun.

Wandel also vor und hinter der Bühne – womit wir auch beim Thema der diesjährigen Musikherbst-Ausgabe wären. Mit dem „Phänomen Zeit“ hat Florian Prey das Festival überschrieben, bewusst gewählt in einer „Welt des Umbruchs“.

Thema ist das Phänomen Zeit

Die Zeit stehe aber auch für Neues in der Musik, sagt er. Daneben möchte der künstlerische Leiter dazu anregen „im Jetzt zu leben“ und sich von Klängen und Tönen berühren zu lassen.

Dafür sorgen die Festivalmacher vom 28. September bis zum 5. Oktober (einen Tag länger als üblich) mit einer Mischung aus Sinfoniekonzerten, Lieder- und Opernabenden, Theater und Stummfilm. En detail: Die 80 Musiker des Odeon-Jugendsinfonierochesters bieten zum Start am 28. September „ein monströses Konzerterlebnis mit großen Werken“ – etwa der symphonischen Dichtung „Ein Heldenleben“ von Richard Strauss.

Florian Prey höchstselbst tritt dann am Sonntag, 29. September, 11 Uhr, mit einer kleinen Schubertiade vors Publikum („der Komponist lässt mich einfach nicht los“), Julia Cortis liest dazu aus Briefen und Gedichten.

Abends warten die Uracher dann mit einer neuen Konzertform und einem Magneten fürs jüngere Publikum auf. Das Berliner Stregreif-Orchester improvisiert und „rekomponiert“ Beethovens dritte Symphonie, genannt Eroica. Die jungen Musiker bewegen sich frei in der Festhalle und bauen choreographische Elemente ein.

Ein umjubelter Abend mit dem Stegreif-Orchester

Ihr Konzert zählte zu den umjubelten Abenden beim Musikherbst 2018. Verwurzelt ist die Berliner Formation übrigens in der Region: Ihr Gründer-Leiter Marco de Juri ist in Reutlingen aufgewachsen.

Für den Kammermusikabend sorgen heuer die Musikerinnen des renommierten Klenke-Quartetts (30. September, Dürnitz). Sie stellen Werke von Beethoven und Schubert denen des deutsch-böhmischen Komponisten Erwin Schulhoff ( 1894 bis 1942) gegenüber.

Den populären Abend mit Musik und Menü gibt es wieder in der Künkele-Mühle, und zwar am 1. Oktober, diesmal mit einem Stummfilm-Konzert zu Kalbsbrust und Butternudeln. Bei improvisierten Klängen (Gitarre, Thomas Etschmann) und Cello (Jost-Heinrich Hecker) kommt Buster Keatons Slapstick-Klassiker „Der Kameramann“ zu neuen Ehren. Der Streifen läuft auf drei Leinwänden zugleich.

Ein Höhepunkt ist der Abend mit Elisabeth Kulmann

Zu den Höhepunkten des Festivals dürfte zudem der Auftritt der österreichischen Mezzosopranistin Elisabeth Kulman am Mittwoch, 2. Oktober, in der Festhalle zählen. Die Sängerin ließ mit kritischen Tönen gegenüber dem Opernbetrieb aufhorchen, von dem sie sich heute weitestgehend abgewandt hat.

Sie kommt mit klassisch besetzter Band (unter anderem Violine, Klarinette und Saxophon) und kombiniert in ihrer Collage „La femme c’est moi“ Musicalmelodien von Lloyd Webber und Bernstein mit klassischen Werken. Etwa von Richard Wagner (Der Walkürenritt) und Beethoven und Schubert (Der Erlkönig). Obendrauf strahlt eine Lichtshow.

Auch die „jungen Überflieger“ sind wieder gebucht: Am 3. Oktober stellt sich mit Olga Šroubková, eine große Geigenhoffnung in einer Matinee vor. Und bei den bloßen Tönen bliebt es nicht: Prey hat für den 3. Oktober abends das Münchner Sommertheater verpflichtet. Das Ensemble spielt in der Festhalle „Das Mädl aus der Vorstadt“ von Johann Nestroy – „herrlich unkonventionell und traditionell inszeniert“.

Der Bruder ist ein bekannter Rockstar

Neue Wege auch in Sachen Meisterkurs:. Die von der amerikanischen Opernsängerin Doreen DeFeis (der Schwester des bekannten Heavy Metal-Sängers David DeFeis) und dem Bariton James Hooper betreuten Nachwuchsinterpreten gestalten am Freitag, 4.Oktober, in der Festhalle einen Opernabend mit bekannten Melodien. Ein Ziel war’s, die jungen Sänger auch für den Auftritt im Ensemble fit zu machen, so Prey.

Das Finale am 5. Oktober (traditionell in der Amanduskirche) gestaltet der renommierte Leipziger Thomanerchor, unter anderem mit Werken von Bach und Schütz und Reger.

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Herbstliche Musiktage: 90 Jahre Hermann Prey


In Bad Urach gehen vom 28. September bis 5. Oktober die 39. Herbstlichen Musiktage über die Bühne.

Im Rahmenprogramm gibt es auch eine Ausstellung: Der 1998 verstorbene Kammersänger Hermann Prey, Mitgründer des Festivals, wäre in diesem Jahr 90 geworden.

Sein Sohn Florian, heute künstlerischer Leiter, hat Bilder, Dokumente und Aufnahmen gesammelt und zeigt diese während des Festivals in der Stadtbücherei.

Weitere Infos zum Festival unter www.herbstliche-musiktage.de.

Karten gibt es unter der Telefon (0 71 25) 15 65 71, unter info@ herbstliche-musiktage.de. und im Konzertbüro am Markt in Reutlingen.