Pfullingen Ein Prädikat für die Pionierin

Von Evelyn Rupprecht 14.09.2018

Die Rotbuche, die im Pfullinger Wald keine 50 Meter vom Sagenweg entfernt steht, hat es definitiv gut getroffen. Würde der Forst die Fläche nach dem Altersklassensystem bewirtschaften, wäre der Baum schon längst zu Mobiliar oder Parkettboden verarbeitet worden. So aber steht die mächtige Veteranin mitten im Naturwald. Mindestens 120 Jahre hat sie auf dem Buckel, ihre Krone kommt zwar noch grün daher, die Äste aber fallen teils schon in die Kategorie Totholz. Dass die Stadt Pfullingen seit exakt 20 Jahren ausgewiesene Naturwaldgemeinde ist, ist für die Rotbuche ein wahrer Glücksfall – und es war für den Nabu-Landesvorsitzenden Johannes Enssle am Donnerstag Grund genug, ins Echaztal zu kommen. Mit im Gepäck hatte er eine Urkunde, die belegt, dass Pfullingen auch in den nächsten zehn Jahren das Prädikat „Naturwaldgemeinde“ verdient hat.

„Das ist schon etwas ganz Besonderes“, befand Enssle mitten im Wald und direkt neben der alten Buchendame stehend. Denn zum einen gibt’s im Ländle nur sieben Kommunen, die das Nabu-Prädikat haben, zum anderen sei der endgültige Beschluss, den der Pfullinger Gemeinderat 1998 gefasst habe, äußerst mutig gewesen. „Die Stadt ist hier als Pionierin vorangegangen“, blickte der Nabu-Chef zurück. Das Prädikat, das alle zehn Jahre neu erworben werden muss, sei Zeichen der Wertschätzung, jedoch auch eine Verpflichtung für die Zukunft. Freilich ist nicht nur die Auszeichnung eine Verpflichtung, auch die FFH-Richtlinien sind es. Die, so Revierförster Bernd Mair, geben nämlich ein Verschlechterungsverbot vor. Doch nicht nur deshalb wird es im Pfullinger Wald auch weiterhin keine flächigen Hiebe geben und Bäume werden ab einem gewissen Durchmesser nicht einfach pauschal gefällt. Fremdfirmen, die mit großem Gerät durch den Wald preschen sind ein Tabu. Gearbeitet wird in Pfullingen mit dem eigenen Maschinenpark und mit über viele Jahre hinweg geschultem städtischen Personal.

„Wir gehen nachhaltig mit unserem Wald um, nehmen Bäume gezielt aus der Nutzung heraus und lassen sie stehen“, erklärt Mair. Per GPS wird das meist wertvolle Altholz hinterlegt. Mehrere hundert Bäume wurden bereits markiert, „und damit auch ein wichtiger Beitrag für die Ökologie geleistet“, sagt der Revierförster. Denn in Laubholz wie der alten Rotbuche sind Großhöhlen zu finden, sie ist Heimstatt für Fledermäuse, Schwarzspechte, Spinnen und Insekten.  Und die Veteranin ist Teil eines Mosaiks, das aus Einzelbäumen, aber auch aus flächigem Wald besteht. Mehrere Generationen von Bäumen stehen hier Seite an Seite –  „dicke, dünne, große, kleine, junge und alte“, erläutert der Nabu-Landesvorsitzende die Mischung, die auf den Gemarkungen vieler anderer Kommunen längst nicht so zum Tragen kommt. „Ein erkleckliches Sümmchen ist das“, weiß denn auch der Revierförster mit Blick auf das, was die Stadt an Werten im Wald stehen lässt und nicht vermarktet.

Trotzdem schreibt der Pfullinger Forst fast jedes Jahr eine schwarze Null, berichtet Bernd Mair. „Weil wir unabhängig vom Einsatz externer Firmen sind und weil wir keinen Aufwand mit der Jungbestandspflege haben und natürliche Prozesse nutzen“. Anders gesagt: Der Wald pflegt sich selbst, was den Personaleinsatz minimiert.

In der Kernzone, dort wo die Abteilung „Alte Steige“ in den „Vorderen Kugelberg“ übergeht, wird indes ein Problem sichtbar, das auch die Pfullinger umtreibt: das Eschentriebsterben. Einige umgestürzte Bäume blockieren den Weg. „Vor Katastrophen wie diesen sind auch wir nicht gefeit“, muss Maier zugeben. Allerdings haben er und sein Team sich auf die Katastrophe vorbereitet und den Großteil der Eschen bereits in den vergangenen Jahren gefällt und vermarktet. Fast ausschließlich in der nicht bewirtschafteten Kernzone stehen und liegen jetzt noch Eschen.

Das Prädikat, das der Nabu-Landesvorsitzende den Pfullingern symbolträchtig gleich neben den umgestürzten Bäumen überreicht hat, freut indes nicht nur den Revierförster, sondern auch den Bürgermeister. Michael Schrenk betont deshalb: „Aus der Entscheidung für die Naturwaldgemeinde ist uns im Jahr 1998 eine Verpflichtung erwachsen, der wir uns auch weiterhin gern stellen wollen“.

Kein Kahlschlag, keine Chemie

Zu den Kriterien für eine naturnahe Waldbewirtschaftung gehören der  vollständige Verzicht auf Kahlschlag, Chemieeinsatz und Düngemittel. Stattdessen wird auf den Einsatz bodenschonender, wald- und menschenfreundlicher Betriebstechniken gesetzt. Die Naturverjüngung des standortangepassten Waldes hat absoluten Vorrang und die Jagd muss sich am Ziel waldverträglicher Wildbestände ausrichten. Ziel ist ein aktiver Waldnaturschutz durch naturnahes Bewirtschaften und gezielte Maßnahmen des Biotop- und Artenschutzes, heißt es von Seiten des Nabu.

Die Vorteile seien prächtige alte Bäume, neues Leben in Feuchtbiotopen und seltene Vögel an naturbelassenen Waldrändern.

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