Prozess Zeugin soll zu Axt-Angriff in Ludwigsburg aussagen

Ludwigsburg / Von Bernd Winckler 14.08.2018

Ein gutes Viertel des gesamten Prozessstoffes ist abgearbeitet – nach fünf Monaten. Weitere 15 Monate Verhandlungsdauer stehen an. Im Prozess vor dem Stuttgarter Landgericht gegen acht Mitglieder der Osmanen Germania BC wegen Mordversuch läuft es derzeit noch nach Plan. Enttäuschte Gesichter hingegen bei den Verteidigern: Der hauptangeklagte Osmanen-Weltpräsident bleibt weiter in Haft.

Die Stuttgarter Richter hatten bereits vor zwei Wochen gemäß dem Antrag des Staatsanwalts den Haftbefehl gegen Welt-Präsident Mehmet Begci gegen Auflagen außer Vollzug gesetzt. Der zweite „Überhaft“-Befehl des Landgerichts Darmstadt wegen Verdacht des bandenmäßigen Diebstahls, bleibt indessen noch im Vollzug. Nachdem er laut Medienberichten enge Beziehungen zur türkischen Regierung pflegt, von dort sogar Geld für Waffenkäufe an ihn geflossen sei, läge eine Flucht dorthin nahe. Dieser Umstand könnte die Richter in Darmstadt zur Haftfortdauer bewogen haben. Noch vor einem Jahr hatte Bagci geschrieben: „Wir sind bereit, für unsere Sache zu sterben und zu töten“.

Gefesselt zum Anwalt gebracht

Am gestrigen Verhandlungstag im Gerichtssaal am Stammheimer Gefängnis – dem 23. Prozesstag – das bekannte Prozedere: Die acht Männer wurden gefesselt zu ihren Anwälten gebracht. Clubmitglieder im Zuhörerbereich – keine. Und die 3. Große Strafkammer kam erstmals zu den Anklagepunkten fünf und neun: Zuhälterei, Zwangsprostitution, gefährliche Körperverletzung – und versuchter Mord. Eine 28-jährige Frau, eine der wichtigsten Belastungszeugen – wird in den kommenden drei Prozesstagen vernommen. Zweimal war ihre Vernehmung aus Zeitgründen und letztlich auch, weil die Zeugin erkrankt war, verschoben worden. Sie soll vom Angeklagten Levent Uzundal, dem Osmanen-Anführer für Ludwigsburg und Stuttgart und Waffenverwalter, zur Prostitution gezwungen worden sein. Bei der Zeugin geht es auch um Erkenntnisse, was sie zum Beispiel von dem Axt-Angriff vom 21. November des Jahres 2016 auf ein Bahoz-Mitglied in der Ludwigsburger Innenstadt mitbekommen hat. Und was sie über gewaltsame Abstrafungen von austrittswilligen Mitgliedern weiß. Zum Beispiel bei einem 28-Jährigen, der in Herrenberg fast zu Tode gefoltert wurde, oder bei einem 19-Jährigen, den im Juni vergangenen Jahres ein Rollkommando der Osmanen in Bietigheim-Bisssingen mit Messerstiche in das Bein schwer verletzte.

Die Zeugin wurde allerdings vom vorsitzenden Richter Joachim Holzhausen vor ihrer Aussage deutlich darüber belehrt, dass sie ein Aussageverweigerungsrecht hat, wenn die Gefahr besteht, sich selbst zu belasten. Das kann auch auf die Körperverletzungen im Landkreis Ludwigsburg, Esslingen und Stuttgart zutreffen, sowie Beleidigungen ihrerseits gegen Rocker-Mitglieder. Zu einem Teil hiervon will die 28-Jährige tatsächlich schweigen. Nicht aber zu dem, was sie selbst zum Opfer werden ließ: Der Zwangsprostitution, die Levent Uzundal vorgeworfen wird.

Im Sommer 2016 habe sie Uzundal in Esslingen kennengelernt, sagt sie. Ende 2016 dann sei sie für ihn „Arbeiten“ gegangen, anfangs aber ohne Zwang, wie sie betont. Erst später folgten die Misshandlungen – im Januar 2017 nur noch Schläge, um sie zur „Arbeit“ zu zwingen. Damals musste sie in einem Laufhaus in Worms und Frankfurt tätig sein. Uzundal wird vorgeworfen, sie auch in einem Stuttgarter Bordell zur Prostitution gezwungen und so sehr geschlagen zu haben, dass sie Schmerzen erlitt. Ob die Zeugin über die Körperverletzungen und Überfälle gegen Aussteiger aussagt, ist noch offen.

Unterdessen warten die Richter auf den in der Türkei zunächst untergetauchten Mustafa Kilinc, gegen den ein internationaler Haftbefehl vorliegt und der sich dennoch bereit erklärte, als Zeuge für Mehmet Bagci nach Stuttgart zu kommen. Er will aussagen, dass er, und nicht Bagci, alle Gewalttaten angeordnet habe. Seine Bedingung des „Freien Geleits“ hat das LKA akzeptiert, er werde nicht festgenommen.

Am kommenden Freitag soll die jetzt aufgetretene Zeugin weiter befragt werden. Danach tritt die Kammer wieder in eine längere Verhandlungspause ein.

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