Natur Zecken-Rekordjahr: FSME- und Borreliose-Fälle steigen

Landkreis Ludwigsburg / Frank Ruppert 04.09.2018

Besonders viele Zecken und damit eine erhöhte Gefahr, an Hirnhautentzündung oder Borreliose zu erkranken, haben Wissenschaftler des Deutschen Zentrums für Infektionsforschung (DZIF) prognostiziert. Eine Nachfrage beim Landratsamt in Ludwigsburg bestätigt die Prognose auch für den Landkreis: „Im Frühjahr und Frühsommer traten mehr Zecken auf als in den Vorjahren, vermutlich wegen der noch feuchteren Witterung nach den Winterregenfällen“, erklärt Sprecher Dr. Andreas Fritz. Seit Juli sei wegen der Hitze und der Niederschlagsarmut allerdings wieder ein Rückgang des Zeckenbefalls festzustellen. Auch Forstmitarbeiter berichten von vermehrtem Zeckenbefall in diesem Jahr, teilt das Landratsamt weiter mit.

Impfung schützt vor FSME

Den Eindruck der Forstmitarbeiter kann der Ärztliche Direktor der Klinik für Neurologie in Ludwigsburg, Dr. Martin Schabet, bestätigen: „Wir haben auf jeden Fall mehr FSME- und Borreliose-Fälle als in den Jahren zuvor. Wie viele kann ich allerdings nicht genau sagen. Aber wir spüren, dass es mehr Zecken gibt.“ Während FSME-Zahlen vom Gesundheitsdezernat des Landratsamts erfasst werden, gibt es keine Zahlen zu den Borreliose-Fällen. „Wir haben hier im Landkreis Ludwigsburg in den Jahren seit 2001 wechselnde Fallzahlen von einem Fall pro Jahr bis zu sechs Fällen pro Jahr“, sagt Dr. Ulrike Rangwich-Fellendorf zu den FSME-Zahlen. Im aktuellen Jahr 2018 habe es aber schon bis Mitte August fünf Fälle gegeben, teilt das Landratsamt mit.

FSME steht für Frühsommer-Meningoenzephalitis und ist eine Virusinfektion, die fast ausschließlich von infizierten Zecken übertragen wird. Stechen die winzigen Blutsauger zu, können sie den Erreger mit ihrem Speichel weitergeben. „Bei FSME gibt es grippeähnliche Symptome, die erst mal wieder verschwinden und dann nach fünf bis zehn Tagen wieder auftauchen“, sagt Schabet. Die Infektion damit sei ärgerlich, weil man das eigentlich leicht durch eine Impfung verhindern könnte, zumal man sich in Süddeutschland in einem Endemie-Gebiet befindet, in dem die Zecken besonders verbreitet seien. „FSME kam in den vergangenen Jahrzehnten über den Balkan und Österreich bis in unsere Gefilde“, sagt Schabet.  Trennlinie des Endemiegebiets sei der Main. Der Neurologe erklärt, er sei selbst geimpft und würde das auch jedem empfehlen, der nicht komplett die freie Natur meide. Die Impfung wird meist zu Jahresbeginn empfohlen, vor der Zeckensaison. Zwei Impfungen im Abstand von vier Wochen ergeben einen Schutz für mehrere Jahre. „Wenn Menschen mit FSME kommen, können wir eigentlich nichts für sie tun. Gegen andere Viren können wir etwas machen, aber bei FSME können wir die Menschen nur begleiten und aufpassen, dass nicht andere Komplikationen wie etwa eine Thrombose auftreten“, erklärt Schabet.  Bei der FSME sei glücklicherweise am häufigsten die nicht so schwerwiegende Hirnhautentzündung, dann gebe es die Hirnentzündung und die Rückenmarksentzündung. „Eigentlich wäre eine Impfpflicht wie in Österreich gut, aber das kann man bei uns nicht durchsetzen. Die Österreicher fahren damit aber sehr gut und haben praktisch keine FSME-Fälle mehr“, sagt der Fachmann.

Diagnostik ist herausfordernd

Zecken übertragen auch Borreliose und das wesentlich häufiger als FMSE. Dagegen kann man sich laut Schabet aber nicht impfen lassen, weil das Bakterium die Oberfläche immer wieder verändere. Man könne Borreliose aber gut mit Antibiotika bekämpfen. Borreliose kann einen überall erwischen, denn es gebe anders als bei FSME keine örtliche Begrenzung. Nur in den Alpen ist man sicher. Ab einer gewissen Höhe gebe es einfach keine Zecken mehr.

„Borreliose kann alle Organe des Körpers befallen, daher sind nicht nur wir Neurologen damit befasst, aber ganz klar haben wir auch mehr Borreliose-Fälle zu verzeichnen“, sagt Schabet. Häufig merkten es die Erkrankten gar nicht, dass sie von einer Zecke befallen sind, denn Antikörper bekämpfen die Borreliose oft erfolgreich und so gebe es dann keine Beeinträchtigung. Oft würden die dann vorhandenen Antikörper aber auch als Zeichen für eine Borreliose gesehen und falsch behandelt. Überhaupt sei die Diagnostik herausfordernd bei Borreliose-Betroffenen und es sei auch schon vorgekommen, dass Menschen wegen eines Bandscheibenvorfalls operiert wurden, obwohl sie Borreliose hatten. Die Schmerzen hatten sich dabei an den Bandscheiben gezeigt, so Schabet.

Nur wenige Zecken tragen FSME-Viren in sich

Auch in den FSME-Risikogebieten Deutschlands sind nur wenige Zecken mit dem FSME-Virus infiziert, teilt das Robert-Koch-Institut mit. Aus zahlreichen Studien sei bekannt, dass das Virusvorkommen in den Zecken stark schwanken kann, im Mittel tragen in FSME-Risikogebieten 0,1 bis 5 Prozent der Zecken FSME-Viren in sich. Hieraus ein Erkrankungsrisiko nach einem einzelnen Zeckenstich abzuleiten, sei nicht möglich. Viele FSME-Infektionen verlaufen zudem ohne sichtbare oder mit milden Symptomen.

Das Vorkommen von Borrelien in Zecken schwankt kleinräumig sehr stark und kann bis zu 30 Prozent betragen. Nach Untersuchungen aus Deutschland und der Schweiz wurde nach einem Zeckenstich bei 2,6 bis 5,6 Prozent der Betroffenen eine Borrelien-Infektion nachgewiesen, charakterisiert durch das Auftreten von Antikörpern im Blut, so das Institut weiter. Nur ein kleiner Teil der Infizierten erkrankt. Insgesamt sei bei 0,3 bis 1,4 Prozent der Zeckenstiche mit Krankheitssymptomen zu rechnen.

Aktiv sind Zecken ab etwa acht Grad. FSME trete bevorzugt im Frühjahr und Sommer auf, häufig jedoch auch im Herbst. Bei warmer Witterung können Infektionen vereinzelt auch im Winter auftreten. Das saisonale Vorkommen von Borreliose ist vergleichbar, so das Robert-Koch-Institut. bz

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