Fußball-Weltmeisterschaft WM am Arbeitsplatz

Das letzte Vorrundenspiel der deutschen Mannschaft wird ab 16 Uhr übertragen. Wer ohne Vereinbarung mit dem Chef im Büro guckt, riskiert ein Eigentor. Das Foto zeigt das Spiel Iran gegen Portugal.
Das letzte Vorrundenspiel der deutschen Mannschaft wird ab 16 Uhr übertragen. Wer ohne Vereinbarung mit dem Chef im Büro guckt, riskiert ein Eigentor. Das Foto zeigt das Spiel Iran gegen Portugal. © Foto: Andreas Gebert
Andreas Lukesch 27.06.2018

Arbeitsrechtlich ist die Sache klar: Wer während der Arbeitszeit das Spiel der Südkoreaner gegen die deutsche Mannschaft im Netz oder auf dem Büro-TV anschaut, der schießt schnell ein Eigentor. Denn WM-Gucken geht nur in der Freizeit, während der Arbeitszeit haben die Arbeitnehmer den Interessen des Arbeitgebers nachzukommen.

Es kommt also auf den Arbeitgeber an und dessen grundsätzliches Weisungsrecht. Untersagt  der Chef also Fußball-Gucken, dann sollte sich jeder Beschäftigte hüten, den Fernseher dennoch einzuschalten, will er nicht mindestens eine Abmahnung kassieren.

Aber auch die Manager wissen, dass ein Spielbeginn um 16 Uhr nicht gerade arbeitnehmerfreundlich ist. Deshalb bieten auch im Landkreis einzelne Unternehmen mehr oder weniger weitgehende Kompromisse an.

Im produzierenden Gewerbe gilt grundsätzlich: Die Maschinen können nicht still stehen, da kann Deutschland noch sehr um den Einzug ins Achtelfinale zittern. „Die Produktion darf nicht leiden“, sagt Valeo-Pressesprecher Jürgen Ströbele. Der französische Automobilzulieferer beschäftigt an seinem wichtigsten Deutschland-Sitz in Bietigheim-Bissingen Mitarbeiter aus mehr als zwei Dutzend Nationen. Somit sind dort nicht nur die Begegnungen der deutschen Mannschaft interessant. In der Kantine können die Spiele verfolgt werden – und wer Zeit oder gerade Pause hat, schaut dort auch vorbei. Die Resonanz ist nach Firmenangaben gut, zumal auch schon mal kulinarisch auf das internationale Ereignis eingestimmt wird.

Die Produktion geht vor – so lautet auch beim Filterhersteller „Mann + Hummel“ die Devise. In Ludwigsburg wird im Drei-Schicht-Betrieb gearbeitet, echte Fußballfans müssen mit Gleitzeit, Freizeitausgleich, Schichtwechsel oder Urlaub arbeiten, um keine Minute der Deutschland-Spiele zu verpassen. „Bei der Dienstplanung zeige man sich flexibel, die Bänder aber dürfen nicht still stehen, weil WM ist“, erklärt Sprecherin Sinikka Kenklies.

Kreative Lösungen

Das gilt übrigens nicht nur für die Fertigung. „Die Wirtschaft in Deutschland wird am Mittwoch nicht zum Erliegen kommen, die Züge fahren, die Kliniken arbeiten“, versichert  Gerd Kistenfeger, Sprecher der Handwerkskammer Region Stuttgart. Ob aber der Dachdecker um 16 Uhr noch auf dem Dach sitzt, kann auch der Kammersprecher nicht sagen. Eine generelle Empfehlung an die Mitgliedsbetriebe gebe es nicht. „Das regelt jeder Betrieb für sich.“ Vor allem kleinere Handwerksbetriebe lassen sich mitunter auch kreative Lösungen einfallen – und möglicherweise, so Kistenfeger, kann es der Kundschaft schon passieren, dass Handwerker während der Deutschland-Spiele keine Aufträge annehmen „oder das Telefon vorübergehend mal nicht besetzt ist“.

Und der Einzelhandel? Auch da muss jeder Ladenbetreiber für sich entscheiden, wie er mit der WM umgeht. Der zuständige Verband gibt seinen Mitgliedern ebenfalls keine Empfehlung, wie Sprecher Hilmar Pfister anmerkt. „In vielen Läden läuft aber ohnehin ein Fernseher“, sagt er, der eher an die Umsatzdelle während der entscheidenden 90 Minuten denkt. Die werde aber durch den generell im Zuge der WM zu erwartenden Umsatzimpuls von bis zu 54 Prozent im „WM-affinen Sortiment“, also bei Getränken, Grillgut und Fanartikel, mehr als wettgemacht – zumindest solange die deutsche Mannschaft noch im Turnier ist.

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