Vor 13 Jahren hat die Stadt Ludwigsburg durch die Zahlung einer einmaligen Gebühr die Lizenz als Notinsel-Standort-Partner erworben. Das Projekt Notinsel ist eine Initiative der Stiftung „Hänsel+Gretel“. Heute beteiligen sich an der bundesweiten Aktion in Ludwigsburg – sowohl in der Innenstadt als auch in den Stadtteilen – inzwischen mehr als 135 Geschäfte. Sie sind Anlaufpunkte für Kinder, die Hilfe suchen, zum Beispiel weil sie sich unwohl fühlen oder verlaufen haben. Gekennzeichnet sind alle teilnehmenden Betriebe mit einem speziellen Aufkleber. Doch ist überhaupt ein Bedarf vorhanden und wird das Angebot von Kindern tatsächlich genutzt?

Die bisher einzige Erhebung hat Gertraud Selig, für die kommunale Kriminalprävention seitens der Stadt Ludwigsburg zuständig, 2010 durchgeführt. Von 130 angeschriebenen Geschäften nahmen damals 62 an der Umfrage teil. Wie daraus hervorgeht haben zu diesem Zeitpunkt 47 Einrichtungen keinen Fall registriert, in denen ein Kind in der Notinsel um Hilfe bat. Nur an 14 Anlaufstellen wurde tatsächlich Hilfe in Anspruch genommen. In diesen 14 Anlaufstellen wurden mehr als 36 Vorkommnisse notiert, allerdings je Geschäft nie mehr als zehn. Im Normalfall konnte das Problem vor Ort gelöst werden, da das Kind beispielsweise ein Pflaster benötigte, zu Hause anrufen wollte oder Angst vor Gewitter oder Verfolgung hatte. In fünf Fällen, so geht aus der Umfrage hervor, wurde zusätzlich professionelle Hilfe angefordert. Vier Mal handelte es sich dabei um die Polizei, einmal um Rettungssanitäter.

In der polizeiinternen Datenbank sei unter dem Stichwort „Notinseln“ jedoch nichts vermerkt, so Tatjana Wimmer, Pressesprecherin des Polizeipräsidiums Ludwigsburg. Darüber hinaus sei nicht recherchierbar, ob je ein Vorfall im Zusammenhang mit den Notinseln vermerkt wurde.

Notinsel nicht nur für Kinder

Teilnehmende Betriebe berichteten im Zusammenhang mit der Befragung davon, dass nicht nur Kinder die Hilfe in Anspruch genommen hätten, sondern auch ältere Menschen, die zum Beispiel aufgrund eines Schwächeanfalls Unterstützung suchten.

In den Anfangszeiten der Aktion habe die Hilfe oftmals daraus bestanden, Kindern ein Telefonat nach Hause zu ermöglichen. In Zeiten von Handy und Smartphone spiele das kaum mehr eine Rolle, meint Selig. Hin und wieder steht sie in Kontakt mit teilnehmenden Geschäften, wenn diese bei ihr beispielsweise neue Aufkleber anfordern. Aus den Gesprächen entnehme sie, dass es „keine schlimmen Fälle“ gegeben habe. Grundsätzlich vertritt Selig die Meinung, dass die Ludwigsburger Innenstadt kein überdurchschnittlich gefährliches Pflaster für Kinder sei. Sie vermutet jedoch auch, dass die Aktion präventiv wirke und potenzielle Täter abschrecke.

Im Rahmen der Umfrage merkten teilnehmende Betriebe an, dass die Aufkleber zu klein seien und schnell übersehen werden könnten. Auf Nachfrage erklärt die Stiftung „Hänsel + Gretel“, dass sich die Größe und auch das Motiv der Aufkleber über die Jahre nicht verändert hat. Drei Geschäfte sprachen sich dafür aus, dass das Projekt bekannter gemacht werden sollte. Die Stadt Ludwigsburg kündige jedoch regelmäßig zum Schuljahresbeginn das Projekt an. Ein Geschäftsinhaber hätte „noch nie einen Fall erlebt, in dem ein Kind in Not war. Kinder suchen andernorts Hilfe.“ Ein anderer berichtete, viele Kinder zu kennen, die die Notinseln nutzten.

Keine Kenntnis über Nutzung

Ein Pendant zu den Notinseln ist die kostenlose Aktion „Gute Fee“, die beispielsweise in Bietigheim-Bissingen und Sachsenheim aktiv ist. Bei einer Ordnungsamtsleiter-Tagung vor über zehn Jahren sei beschlossen worden, dass die Kommunen im Kreis auf die Beteiligung an der bereits früher gegründeten Aktion aufmerksam machen sollten, berichtet Matt­hias Friedrich, Pressesprecher der Stadt Sachsenheim. Daraufhin seien entsprechende Flyer und Aufkleber an teilnehmende Betriebe verteilt worden. Die Aktion startete hier im Dezember 2007. „Leider haben wir keine Kenntnis darüber in welcher Intensität die Aktion in Anspruch genommen worden ist und welche Betriebe diese Aktion heute noch aktiv unterstützen“, teilt Friedrich mit.

Ähnliches berichtet auch Anette Hochmuth, Sprecherin der Stadt Bietigheim-Bissingen. Die Aktion sei vor vielen Jahren gestartet, inwiefern Kinder tatsächlich Hilfe im Rahmen der Aktion in Anspruch genommen hätten, sei nicht bekannt. Hochmuth vermutet, dass im Bedarfsfall Hilfe gesucht und angeboten werde, „unabhängig davon, ob ein Geschäft einen Aufkleber hat oder nicht.“

Welche Ansprüche stellt die Stadt an ihre Notinseln?


Die Stiftung „Hänsel + Gretel“ engagiert sich seit 1997 in, nach eigenen Angaben, weit mehr als 500 Projekten für die Verbesserung der Situation von Kindern. Eines dieser Projekte sind die 2002 ins Leben gerufenen Notinseln. Deutschlandweit beteiligen sich rund 20 000 Geschäfte an 226 Standorten.

In Ludwigsburg sind aktuell über 135 Geschäfte auf der Liste notiert. Gertraud Selig, für die kommunale Kriminalprävention seitens der Stadt Ludwigsburg zuständig, überprüft vor Ort, ob Bewerber den nötigen Anforderungen entsprechen. Die Anlaufstelle sollte direkt an einer Straße liegen, über eine breite Glasfront und lange Öffnungszeiten verfügen.

Außerdem sollte gewährleistet sein, dass stets ein Ansprechpartner zur Verfügung steht. Gertraud Selig betreut diese Aufgabe seit 2008. Bisher musste sie nur zwei Einrichtungen ablehnen. sab