Löchgau Wenn einem eine Sache wichtig ist

ANDREAS LUKESCH 29.06.2013
Gisela Happold hat einen eisernen Grundsatz: "Wenn einem eine Sache wichtig ist, dann muss man sich auch dafür einsetzen." Für die Löchgauerin heißt das auch, mit allen Mitteln für ein Kreisel-Kunstwerk zu kämpfen.

Gisela Happold winkt ab, die Frage hat sie in den zurückliegenden Monaten weiß Gott oft genug gehört. "Viele haben mich gefragt, ob wir in Löchgau keine anderen Sorgen haben als zwei Nägel auf einem Kreisel", sagt die Vorsitzende des Arbeitskreises Dorfbild Löchgau sowie Mitbegründerin des örtlichen Nagelmuseums und betont: "Ja, es gibt größere Probleme auf der Welt, aber bei der Kreiselkunst geht es um eine Sache, die mir - und nicht nur mir - wichtig ist", sagt sie stellvertretend für einen Großteil der Ortsgemeinschaft. Zumindest hat Gisela Happold es geschafft, am 14. Dezember 200 Löchgauer zu einem Protestmarsch vor die Tore Löchgaus zu bewegen, die auf Transparenten den Erhalt der Nagelskulptur auf dem Verkehrskreisel an der Gemeindezufahrt forderten ("Unser Nagel muss oben bleiben"). Bisher haben sie Erfolg, die Demontage ist erst einmal vom Tisch. Die markante Skulptur sollte auf Anweisung des Landratsamts entfernt werden, um ein mögliches Unfallrisiko auszuschließen. Hintergrund ist eine EU-Bestimmung oder Empfehlung - je nach Interpretation (wir berichteten).

Um zu verstehen, warum sich die Bürger und Gisela Happold mit ebenso viel Verbissen- wie Entschlossenheit für ein Gebilde auf einem Verkehrskreisel einsetzen, muss man weit zurückblicken. Gisela Happold kämpft seit Jahrzehnten dafür, die Geschichte Löchgaus im Dorfbild lebendig zu halten. "In den 1970er-Jahren mussten wir erleben, wie vieles vom dem, was das alte Dorf ausgemacht hat, nach und nach beseitigt wurde. Das wollte ich nicht tatenlos mit ansehen", erinnert sich Gisela Happold. Und sie blieb nicht allein. Es gründete sich eine Gruppe der Bewahrer und Erinnerer, aus der schließlich der Arbeitskreis Dorfbild Löchgau erwuchs.

Der Erhalt von Teilen der alten Dorfmauer war das erste Projekt der "losen Gruppe", wie sie Gisela Happold nennt. "Wir haben Überzeugungsarbeit geleistet, wo es nur ging und so viele Menschen wie möglich mit ins Boot geholt." Das geschah sehr professionell, so zum Beispiel mit einem historischen Dorfrundgang. Doch das Engagement der losen Gruppe stieß in einer Zeit, in der Modernisierung vor Bewahrung ging, nicht durchweg auf Begeisterung. In ihrem Einsatz wurden Gisela Happold und ihre Gefolgsleute mehrfach politisch ausgebremst - zumindest wurde es versucht. Ob es um den Erhalt von Bäumen oder Verkehrsthemen ging, die Bewahrer mussten sich stets auch gegen Widerstände durchsetzen. "Dabei ging es uns nie darum, nur zu protestieren. Wir wollten immer auch Lösungen anbieten", betont Gisela Happold und legt Wert darauf, dass dieser Grundsatz die Dorfliebhaber aus Löchgau von so mancher Protestbewegung unterscheide.

Die Diskussionen, Streitigkeiten und Überzugungsbemühungen schweißten die Gruppe zusammen. "Wir haben gemerkt, dass man etwas erreichen kann, wenn man gute Argumente hat und unbeirrt an der Sache dran bleibt", meint die Ehefrau des früheren Gemeinderats und stellvertretenden Bürgermeisters Paul Happold. Man lernte, wie mit Behörden und politischen Entscheidern umgegangen werden muss, wie die Mühlen der Bürokratie mahlen und welche Fallstricke lauern, wenn man Bürgerwillen durchsetzen will. "Allein die Auflagen für unsere Demonstration zur Nagelskulptur waren irrwitzig. Jeder Schritt musste bis ins Detail reglementiert werden. Der Schriftverkehr mit dem Landratsamt war immens. Ich glaube, jemand mit weniger Durchsetzungskraft hätte angesichts der bürokratischen Hürden einer ,Versammlung im öffentlichen Raum das Handtuch geworfen", ist sich Gisela Happold sicher. Aber zu denen gehört sie nicht - im Gegenteil. Wenn ihr Steine in den Weg gelegt werden, dann feuert dies die Löchgauerin erst recht an.

So war es auch, als es um die Einrichtung des Nagelmuseums ging. Das Museum ist einzigartig in Deutschland und baut auf der Mustersammlung der Firma Röcker auf, die bis 1974 in Löchgau produzierte. Heute ist das Museum in der sanierten historischen Hofanlage an der Oberen Straße der ganz Stolz Löchgaus. "Doch bis wir dort einziehen konnten, das war ein echter Kampf und verlangte viel Einsatz von den Mitgliedern."

Und aus dem Museumsgedanken entsprang schließlich auch die Idee der Nagelskulptur auf dem Verkehrskreisel. In einer Art Guerilla-Aktion schuf Gisela Happold 2001 mit einer ersten improvisierten Variante Tatsachen auf dem Kreiselrund. "Es war als Demonstration gedacht. Natürlich mussten wir das Gebilde wieder abbauen. Es folgte ein kleines Katz-und-Maus-Spiel mit der Straßenverkehrsbehörde, bis die Initiative schließlich breite Unterstützung auch aus der Politik erhielt. Seit 2002 steht die Nagelskulptur nun sicherheitstechnisch geprüft und abgenommen in ihrer ganzen Schönheit inmitten des Kreisels. Passiert sei bisher nie etwas, hebt Gisela Happold hervor. "Wir haben uns verkämpft für diese Skulptur, weil wir sie für eine gute Sache für Löchgau halten." Gisela Happold ist sicher: "Das Ding wäre längst verschwunden, wenn wir uns nicht dafür eingesetzt hätten." Ausgestanden ist die Sache offiziell zwar noch nicht ganz, doch Gisela Happold und ihr Arbeitskreis haben bislang gesiegt - wieder einmal.

Vor allem die breite Unterstützung, die die aktiven Löchgauer bei ihrem Engagement für den Kreisel erhalten haben, versetzt Gisela Happold nach wie vor in Erstaunen. "Wir haben vor allem aus den Vereinen eine unglaubliche Solidarität erfahren. Aber das ist nicht ungewöhnlich. In den Vereinen ist die Identität mit der Gemeinde besonders ausgeprägt." Und wenn Gisela Happold heute an dem Kreisel vorbeifährt, dann hat sie wieder einmal den Beweis vor Augen, dass es sich lohnt, für Dinge zu kämpfen, die einem wichtig sind.

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