Bei euch isch‘s aber schee.“ Damit hatte die Sängerin Bigi Binder recht, als sie das Konzert der Gruppe Wendrsonn – landauf, landab als erfolgreiche und vor allem originelle Dialekt-Band gelobt – im Ingersheimer Schlosshof eröffnete. Womit keiner rechnete, war, dass der Teufelsgeiger Klaus Marquardt, säumig blieb, weil er nach einem Konzert in Budapest festsaß. Die Songs um die Tiefen und Höhen der schwäbischen Seele kamen in „Engerscha“, wie die Musiker Kleiningersheim mit seinem wertvollen Kleinod Schloss bezeichneten, aber auch mit dem Ersatzgeiger Florian Vogel gut an.

Eine dauerhafte personelle Änderung steht bei Wendrsonn wegen des Schlagzeugers und Perkussionisten Heiko Peters an. Er, der schon als Minderjähriger das Schlagwerk von Wendrsonn bearbeitete, will sich in Zukunft um sein Kind kümmern. Wer die Nachfolge antritt, gab die von dem Songschreiber und Multi-Instrumentalisten Markus Stricker gegründete Truppe bei ihrem Auftritt innerhalb der Reihe Kultur im Schloss noch nicht bekannt. Das Publikum konnte nach einem Jahr Pause mit den Kulturveranstaltungen das sympathische Sextett aus dem schwäbischen Wald kaum erwarten und nahm zusammen mit ihm gerne so manche fragwürdige schwäbische Eigenart mit aufs Korn. Vom Mittelalter bis heute eröffnete Wendrsonn mal balladenhaft, mal rockig, über tiefe Einblicke in die schwäbische Seele den Blick auf die Welt.

Blick übers Neckartal

Der Blick aus dem Schlosshof über das Neckartal bei hochsommerlichen Temperaturen inspirierte Wendrsonn (Wintersonne) nicht nur dazu, irgendwann einmal einen Song mit dem Titel „Nackig en dr Neckar“ zu schreiben, sondern zu einem musikalischen Liebes-Ausflug ans Meer namens „Honey“, bei dem die Zuhörer klatschenderweise gut dabei waren. Viele von ihnen kannten einen mittelalterlichen Bauerntanz „aus unserer Jugend 1750“, wie Markus Stricker in einer seiner zahlreichen Anspielungen auf das Problem des Älterwerdens scherzte, noch vom „Blacksheep-Festival“ in Bonfeld bei Bad Rappenau, wo Wendrsonn nicht weniger gerne spielt als in Kleiningersheim, nämlich auch an einem Schloss. Solche Spielorte drängen sich für die Analytiker der unterschiedlichen Spezies von Schwaben geradezu auf, um die „Heilbronner Bauplatzaufkäufer“ oder „die schwäbische Türkei da hinten bei Bietigheim“ gesellschaftskritisch zu beleuchten.

Wenn eine Sängerin eine mehr als hundert Jahre alte Geschichte von ihrer Omi aus Grab bei Murrhardt herzzerreißend erzählen kann, dann ist es Bigi Binder aus Oppenweiler. Sie singt im Titel „Ninna Nanna“ über Fremdenhass und Argwohn, wie sie eine italienische Wanderarbeiterfamilie erleben musste. Binders nimmt dabei unter einfühlsamem Flötenspiel Bezug auf die heutige, politische Situation. Das Instrumentalstück „Eisbloama“ aus der Feder des Gitarristen Micha Schad steht unter demselben Duktus.

Ein Beispiel dafür, wie Wendrsonn mit dem Thema Älterwerden fertig wird, ist die satte Rocknummer „Alter Sack“, die das herkömmliche Fitnessstudio durch Ausdauer auf der Bühne ersetzt und der Nachfolgegeneration ihres meist im Alter der Bandmitglieder befindlichen Publikums gleich einmal zeigt, dass es auch anders geht. Ein bisschen rebellisch sein gehört einfach zur Jugend dazu, die im Falle der Generation Strickers noch gegen die Pershings demonstriert hat. Die schwäbische Nationalhymna „Schaffe, schaffe, Häusle baue“ konnte auch in „Engerscha“ nicht alles sein. Wenngleich auch dort „Platz, Geld und Haus“ zu den „epochalen Themen der schwäbischen Philosophie“ gehören.

Angetörnt von Bigi Binders „erotischem Instrument“ eines Waschbettts nahm es die Band musikalisch Wunder, dass „mir Schwoba ons überhaupt vermehrt hend“. Beim zackigen „Hoppsa Liesele“ hatten die Zuhörer die Aufgabe, ihren Hintern tatktsicher exakt 2,36 Zentimeter von den Sitzbänken zu erheben und bekamen als Belohnung dafür Gelegenheit zum Freestyle.

Ein „Hahnenkrähen“ wie die gleichnamige „Hocketse“ war das Wendrsonn-Konzert in Ingersheim ganz gewiss nicht. „Ab morga“ wird alles anders, schwor der ganze Schlosshof im Sinne einer weiterhin „Geilen Zeit“, wie eines der Paradestücke von Wendrsonn heißt. Bigi Binder machte als schwäbische Janis Joplin den Anfang und Lust mehrerer Zugaben, die die Band zum Dank an das tolle Publikum gab.