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BZ
Kreis Ludwigsburg / Frank Ruppert und Heidi Vogelhuber  Uhr

Das machst du doch mit links – eine Redensart, die ausdrücken soll, dass etwas mit Leichtigkeit erledigt werden kann und keinerlei Probleme bereitet. Wenn jedoch Kinder alles „mit Links“ gemacht haben, wurden sie noch bis in die 1960er-Jahre umerzogen, denn Linkshändigkeit war nicht „rechtens“. Am 13. August ist der internationale Tag der Linkshänder. Die BZ hat nachgefragt: Haben es Linkshänder heute noch schwer?

Negativ konnotiert

„‚Links’ ist vielfach negativ konnotiert. In Kulturen, in denen ohne Besteck mit der Hand gegessen wird, darf dafür nur die rechte Hand benutzt werden, während die linke für ‚schmutzige’ Aktionen benutzt wird. Das hat hygienische Gründe, die leicht nachvollziehbar sind“, erklärt Professor Dr. Ingrid Barkow von der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg (PH). Die Expertin für Fragen zur Linkshänder-Erziehung vermutet, dass auch in Europa die Unterscheidung des „richtigen“ und „schönen“ Händchens vom anderen „falschen“ Händchen so zu erklären sei. „Jedenfalls hat das kulturelle Gründe“, ist sie sich sicher und verweist auch auf die Sprache. Auch dort gebe es die Abwertung des Linken als des Falschen. „Jemand ist ‚link’, jemanden ‚linken’. Während das Gute, Richtige eben das ‚Rechte’ ist“, sagt Barkow. Die Funktionsweise der meisten Gebrauchsgegenstände in unserer Umwelt ist für Rechtshänder normiert, womit vielleicht auch eine Umerziehung legitimiert worden ist, sagt die Dozentin. „Auch unsere Schrift, die von links nach rechts läuft, begünstigt die Rechtshänder.“

Das Umdenken habe in den 1970er-Jahren einsetzte. Man habe erkannt, dass die genetische Disposition für die Rechtshändigkeit in der Bevölkerung bei weitem nicht so überwiegt, wie man dachte. Barkow ist übrigens selbst eine Linkshänderin oder besser gesagt: sie war es. „In der Tat bin ich eine umerzogene Linkshänderin. Diese Umerziehung begann aber schon zu Hause, lange vor dem Schuleintritt und ich kam in der Schule gar nicht auf die Idee, die linke Hand zum Schreiben zu benutzen“, erinnert sich die Professorin.

Keine Probleme beim Schreiben

Sie habe nie Probleme beim Lesen oder Schreiben gehabt, die einen Verdacht hätten aufkommen lassen können. Empfehlen würde sie diese Maßnahme trotzdem nicht.

Ob Linkshänder denn grundsätzlich schwerer oder leichter Schreiben lernen? Barkow verneint. „Man sollte ihnen halt zugestehen, dass sie anders schreiben“, sagt die PH-Dozentin. Die Geschichte habe ja gezeigt, dass es sehr begabte, linkshändige Maler gab. Barkow nennt Michelangelo als Beispiel. Auch Pablo Picasso, Albrecht Dürer und Leonardo da Vinci reihen sich in die Riege der Linkshänder ein. Spezielle Schreibgeräte seien nicht notwendig, solange Kinder mit Bleistiften und Ähnlichem schrieben. Spätestens beim Füller allerdings „sollte schon auf ein der Händigkeit angepasstes Schreibgerät geachtet werden“, sagt Barkow.

Ein Zusammenhang zwischen Linkshändigkeit und Lese-Rechtschreibschwäche sei in der Neuropsychologie und in der Schriftsprachdidaktik zwar sehr diskutiert worden, ein direkter Zusammenhang ließe sich allerdings nicht nachweisen, berichtet Barkow. „Da ist vieles spekulativ“, ergänzt sie.

Auf die Frage, wie Linkshändern das Schreiben heute beigebracht wird, antwortet die PH-Dozentin mit einer Gegenfrage: „Die Frage müsst eher lauten, wie sollte Linkshändern heute das Schreiben beigebracht werden?“ Barkow ist der Meinung, dass die Bedürfnisse von Linkshändern beim Schreibenlernen auch heute wenig beachtet würden, „wie überhaupt das Schreiben von Hand und die Handschrift wenig gepflegt wird“, sagt sie.

Die kognitive Wende

Das hänge mit der sogenannten kognitiven Wende in der Schreibdidaktik zusammen, die vermehrt den Blick auf die Inhalte des Geschriebenen, den Text also, lenkte als auf die Form des Geschriebenen. „Damit wurde die ‚Schönschrift’ ad acta gelegt“, sagt Barkow. Das finde sie zwar durchaus sinnvoll, „aber man hat damit wieder einmal das Kind mit dem Bad ausgeschüttet und die motorischen Aspekte des Schreibens vollkommen vernachlässigt.“

Das Mindeste, worauf Lehrer achten sollten, ist, dass bei der Sitzordnung nicht ein rechtshändiges und linkshändiges Kind so nebeneinandersitzen, dass die Arme ihrer Schreibhände gegeneinander arbeiten, sagt die Expertin. Dann sollte darauf geachtet werden, dass das linkshändige Kind die Schreibunterlage schräg von links oben zu sich her liegen hat, also genau andersherum als ein Rechtshänder. „Das ermöglicht es dem Linkshänder, die Hand locker unter der Zeile des Geschriebenen zu führen, die unnatürliche und extrem angewinkelte Handgelenkshaltung, die man so oft bei Linkshändern beobachten kann, wird dadurch vermieden und das Geschriebene nicht verwischt“, so Barkow.

Handarbeit gestaltet sich schwierig

Es gibt auch Bereiche, in denen es Linkshänder schwer haben. Handarbeit zum Beispiel. Klaudia Wohlfarth ist darin ein absoluter Profi und bringt es auch anderen bei – aber nur mit Rechts. „Beim Stricken ist das gar kein Problem, es stricken nämlich alle gleich“, sagt sie. Jedoch sei das Häkeln wahrlich ein Problem. „Kindern bringe ich bei, rechts zu häkeln. Erwachsene Linkshänder müssen sich den Weg selbst suchen“, sagt die Bietigheimerin. Da könne sie leider gar nicht helfen. Normalerweise häkelt man von rechts nach links, Linkshänder häkeln andersrum. Umdenken sei der versierten Häklerin nicht möglich. Sie habe auch eine Bekannte, die Linkshänderin sei. „Sie hat das Häkeln nun aufgegeben. Es sei einfach zu schwierig links herum. Sie strickt nun“, sagt Wohlfarth und lacht. hevo