Wenn Tille Beurer an ihrem Webstuhl sitzt, vergisst sie alles um sich herum. Sie hört die Nachrichten im Radio nicht mehr. Der Straßenlärm vor ihrem Haus ist vergessen. Auch die gerade noch dringend notwendigen Besorgungen haben plötzlich ganz viel Zeit.

Die 73-Jährige ist völlig in ihre Arbeit versunken und scheint beinahe in eine andere Welt entflohen zu sein. "Das Weben ist wie eine Art Meditation für mich. Es ist meine Berufung. Es ist das, was ich wirklich will und kann", schwärmt die Markgröningerin.

Sie war lange auf der Suche nach einem kunsthandwerklichen Hobby, doch nichts machte ihr so richtig Freude, bis sie im Alter von 40 Jahren an einem Wochenende einen Webkurs besuchte, um für ihr Haus einen Bodenteppich anfertigen zu können. "Ich war danach so begeistert. Endlich hatte ich gefunden, wonach ich gesucht hatte: ein Kunsthandwerk, das mich voll und ganz erfüllt. Es stand für mich von Anfang an fest, dass ich keine Teppiche oder Halstücher weben, sondern eher die künstlerische Richtung einschlagen wollte", erinnert sich Beurer. Sie besuchte zwei Jahre lang eine Webschule in Sindelfingen, um das Handwerk von der Pike auf zu lernen. Sie sprühte in dieser Zeit geradezu vor Ideen. "Ich träumte in der Nacht ein Bild, zeichnete es am anderen Morgen auf und webte es nach. Dies war zehn bis 15 Jahre lang meine Haupttätigkeit. Ich verbrachte bis zu acht Stunden am Tag an meinen Webstühlen. Ich saß an solch einem Traumbild manchmal drei Wochen lang", schildert die Markgröningerin. Sie organisierte erste Ausstellungen ihrer Kunstwerke, die viele Bewunderer fanden. Als Beurers Träume nicht mehr ganz so kreativ waren, entwickelte sie eine neue Strategie. Sie zog aus ihrer Garnkiste wahllos einen Faden und begann mit ihm zu weben. "Daraus entwickelten sich ganz eigene Bilder", erklärt Beurer.

Zudem gab sie bei Volkshochschulen und anderen Institutionen Webkurse, was ihren Bekanntheitsgrad in der Region noch weiter steigerte. Dadurch wurde auch ein Pfarrer auf sie aufmerksam und bat Beurer einen Behang für den Altar, ein sogenanntes Antependium, zu entwerfen. Sie hatte einen neuen Bereich des Webens für sich entdeckt und nahm bald Aufträge für diese Art religiöser Wandbilder entgegen. Heute hängen die von ihr gewebten Antependien in vielen Gemeindehäusern und Kirchen der Region. Manche hat sie alleine gefertigt, andere in Zusammenarbeit mit Frauen und Männern aus der jeweiligen Kirchengemeinde. Seit 1998 beispielweise ziert die Wände des evangelischen Gemeindehauses in Großsachsenheim ein ansehnliches Webbild, das unter der Regie Beurers 20 Frauen und ein Mann aus der Kirchengemeinde entwarfen und herstellten. Aber auch in Freudental, Schwieberdingen, Ludwigsburg, Denkendorf und natürlich in ihrer Heimatstadt Markgröningen hat die Arbeit Beurers Spuren hinterlassen. Derzeit arbeitet sie an Werken für den Andachtsraum in der Orthopädischen Klinik.

Und hoch im Norden, auf der Fjordinsel Helgebostad, besitzt die Markgröningerin ein Haus mit 40 Ar Grund, das mitten im Wald steht und in dem sie alljährlich an Pfingsten und im Hochsommer zwei Webkurse abhält, an denen Frauen aus ganz Deutschland teilnehmen.