Pleidelsheim Warum stach die Mutter zu?

Der Messerangriff einer 42-Jährigen im Januar 2018 in einem der Geschäfte am Pleidelsheimer Schillerplatz wird seit Mittwoch vor dem Stuttgarter Landgericht verhandelt.
Der Messerangriff einer 42-Jährigen im Januar 2018 in einem der Geschäfte am Pleidelsheimer Schillerplatz wird seit Mittwoch vor dem Stuttgarter Landgericht verhandelt. © Foto: Martin Kalb
Pleidelsheim / Von Bernd Winckler 23.08.2018

Mit einem außergewöhnlichen Verbrechen beschäftigt sich seit Mittwoch die Große Schwurgerichtskammer des Stuttgarter Landgerichts. Angeklagt ist die 42-jährige Mutter einer jetzt 19-jährigen jungen Frau. Sie soll am Abend des 11. Januar 2018 in einem Pleidelsheimer Friseursalon mit mehreren Messerstichen die Tochter und deren Freundin lebensgefährlich verletzt haben. Die Anklage lautet auf versuchten Mord in zwei Fällen.

Der Prozess begann unter großem Medieninteresse. Gleich zu Beginn des auf zunächst sechs Verhandlungstage angesetzten Verfahrens erhob die Verteidigerin der Beschuldigten schwere Vorwürfe gegen verschiedene Presseorgane: Man habe ihrer Mandantin ungeprüft den Stempel einer Mörderin aufgesetzt. Und man habe ihr sogar einen versuchten „Ehrenmord im Namen des Islam“ unterstellt. Die Angeklagte habe sich hingegen in aufopfernder Weise ihrer Familie und ihrer Tochter gewidmet und sei keine Mörderin, sagt die Anwältin.

Verschiedene Wertvorstellungen

Der Staatsanwalt jedoch ist anderer Ansicht. Er geht in der Anklage davon aus, dass die 42-jährige Mutter aus niedrigen Beweggründen an jenem Januarabend dieses Jahres versucht habe, ihre eigene Tochter und die gleichaltrige Freundin durch Messerstiche zu töten. Nach einer zunächst verbalen Auseinandersetzung in dem Pleidelsheimer Friseursalon, in dem die Tochter damals eine Ausbildung begonnen hatte, soll es zuerst zu tätlichen Angriffen und dann anschließend zu dem Einsatz des Messers, welches die Angeklagte offensichtlich mitgebracht hatte, gekommen sein. Als Grund für den laut Anklage geplanten tödlichen Angriff nennt der Staatsanwalt die verschiedenen Wertvorstellungen von Mutter und Tochter. Die Angeklagte habe den angeblich schlechten Lebenswandel der Tochter damit unterbinden wollen. Die Attacke endete mit tiefen Stichen in den Bauch, den Magen, in Hand und Rücken der Tochter und der anwesenden Freundin. Beide Mädchen mussten mit dem Rettungswagen ins Ludwigsburger Klinikum gebracht werden.

Ein beherzter Mann hatte die Mutter damals spontan entwaffnet und ihr das Messer abgenommen. Er verhinderte weitere Stiche der Frau, die laut Anklage in dem Nebenzimmer des Salons dies noch versucht haben soll. Danach ließ sich die 42-Jährige von der Polizei ohne Wiederstand festnehmen. In Handschellen gefesselt wurde die Frau jetzt zum Prozessauftakt in den Stuttgarter Gerichtssaal geführt.

 Zum Tatvorwurf macht die Angeklagte am ersten Verhandlungstag keine Angaben. Dafür gab ihre Verteidigerin eine mehrseitige Erklärung ab, in der sie für die Mandantin betont, dass sie ihre Tochter niemals verletzen oder gar zu töten gedachte. Sie sei für ihre beiden Kinder immer eine gute Mutter gewesen, habe deren Probleme erkannt und mit ihnen jeweils alles diskutiert.

Plötzlich verändert

Doch die Tochter habe sich ab dem 14. Lebensjahr plötzlich verändert, sei wie ausgewechselt gewesen, nachdem sie die Freundin kennenlernte. Ein Vertrauensverhältnis habe es ab da nicht mehr gegeben. Es sei so schlimm gewesen, dass die Angeklagte zweimal an einen Suizidversuch gedacht hatte.

 Nachdem sie im Zimmer der Tochter Drogen fand, sei alles schlimmer geworden. Sie habe letztlich keine Kraft mehr besessen. „Zwei Tage vor der Tat kommt ein Mann ins Spiel, der angeblich ein Drogendealer sei“, heißt es in der Erklärung. Ein von der Mutter heimlich arrangierter Drogentest sei positiv ausgefallen. Sie habe der Tochter eine Therapie angeraten.

Am Abend des 11. Januar habe sie ihre Tochter von der Arbeit abholen wollen. Doch die 19-Jährige habe sich geweigert, habe „mit hasserfüllten Augen ihre Mutter angesehen“. In diesem Augenblick, so die Erklärung der Verteidigerin, sei die Welt der Mutter untergegangen. Was danach geschah, daran habe ihre Mandantin heute keine Erinnerung mehr. Es sei aber nie die Absicht der Angeklagten gewesen, das eigene Kind zu töten. Das Gericht möge ihr eine Chance geben. Die Verteidigerin legt auch Wert auf die Feststellung, dass die Angeklagte das Messer nach der Tat selbst abgelegt habe und man es ihr nicht abnehmen musste.

Narbe erinnert an die Tat

Die 19-jährige Freundin der Tochter sagte am Mittwoch im Zeugenstand, dass sie bei der Tat zufällig anwesend war und selbst durch Messerstiche erhebliche Verletzungen erlitt. Eine große Narbe am Bauch erinnere sie ständig daran. Die 19-Jährige berichtet auch, dass sie einmal mitbekommen habe, wie die Mutter zusammen mit zwei weiteren Personen die Tochter geschlagen habe.

Um festzustellen, ob die Angeklagte psychisch krank ist und daher auch nur bedingt schuldfähig sein könnte, hat das Gericht einen psychiatrischen Gutachter eingeschaltet.

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