Im Vergleich zu anderen Landkreisen oder der Landeshauptstadt sei der Öffentliche Personennahverkehr (ÖPNV) im Landkreis Ludwigsburg gut, fasste Landrat Dr. Rainer Haas beim traditionellen Sommergespräch des Verkehrs- und Tarifverbunds Stuttgart (VVS) zusammen. „Er ist aber nicht so gut, dass er nicht noch besser werden könnte und sollte.“

Die Tarifzonenreform, die seit dem 1. April aus 52 Tarifzonen fünf Ringe werden ließ, wirkte sich positiv auf die Fahrgastzahlen aus. Sodass der VVS zum Halbjahr eine positive Zwischenbilanz ziehen kann. Im ersten Quartal von Januar bis März konnte im Vergleich zum Vorjahr ein Ticket-Zuwachs von 1,4 Prozent verzeichnet werden. Im zweiten Quartal, also nach der Tarifreform, ist der Ticketverkauf um 2,6 Prozent, von knapp 94 Millionen 2018 auf über 96 Millionen gestiegen. Im ersten Halbjahr sind im Vergleich zum Vorjahr fast vier Millionen VVS-Fahrten mehr getätigt worden: Insgesamt wurden mehr als 192 Millionen bezahlte Fahrten mit den Bahnen und Bussen im VVS durchgeführt, 2018 waren es rund 188,5 Millionen Fahrten.

Thomas Hachenberger, Geschäftsführer des VVS, rechnet mit einem weiteren Schub durch die Tarifreform. Am 9. Juni haben die beiden Eisenbahnunternehmen Abellio und Go-Ahead die Strecken von der Deutschen Bahn übernommen, jedoch mit „großen Anlaufschwierigkeiten“, wie Hachenberger sagt. Die Bemühungen seien da, und doch werde es noch schwierig bleiben, da die Züge nicht fristgerecht geliefert werden konnten. In den Ferien sei ein halber Zug vielleicht noch ausreichend, danach befürchte er überlaufene Züge, berichtet der VVS-Chef aus eigener Erfahrung.

Die gestiegenen Fahrgastzahlen des VVS im ersten Halbjahr sind auf die vergünstigten Tickets zurückzuführen. Eine Fahrt von Bietigheim-Bissingen nach Stuttgart etwa kostet seit dem 1. April 4,20 statt 5,30 Euro. Von Ludwigsburg kommt man seither für 2,90 nach Stuttgart, zuvor waren es 4,20 Euro. Die jährlichen Kosten der Tarifreform belaufen sich auf 42 Millionen Euro und werden von der öffentlichen Hand geschultert. Neben einer Anschubfinanzierung vom Land übernehmen die Landkreise (55 Prozent) und die Landeshauptstadt Stuttgart (45 Prozent) die restlichen Kosten. Die Landkreise teilen sich die Kosten entsprechend der jeweiligen Einwohnerzahlen untereinander auf.

258 Millionen Euro hat der VVS im ersten Halbjahr 2019 eingenommen, das sind zehn Millionen weniger als im Vorjahreszeitraum. Auch das liegt unter anderem an der Preissenkung durch die Tarifreform.

Ausgleich wird gezahlt

Einen Ausgleich an den VVS zahlen das Land, die Stadt Stuttgart und die vier Verbundlandkreise Böblingen, Esslingen, Rems-Murr und Ludwigsburg. „Ich habe im Kreistag für die Tarifzonenreform geworben“, sagt Landrat Haas. Aber er betont auch: „Wer dazu Ja sagt, muss auch zum Sachbestand Ja sagen. Das ist ein großes Paket, das da vor uns liegt.“ Neben Strohgäu- und Bottwartalbahn betrifft dies das Stadtbahnsystem, das im Landkreis ausgebaut werden soll sowie die Reaktivierung der Schienenstrecke nach Markgröningen.

Durch den bereits erreichten sogenannten Kandidatenstatus im Bundesgemeindeverkehrsfinanzierungsgesetz, der eine Förderung von bis zu 80 Prozent der Kosten verspricht, habe man bereits „eine deutliche Hürde genommen“, betont Haas. Zur geplanten Doppelstrategie in Ludwigsburg sagt er aber auch, dass es ihm egal sei, welche Busart eingesetzt werde, ob Gelenkbus, BRT-Bus oder normale Busse. „Ich mache kein Geheimnis daraus, dass ich meine Schwierigkeiten mit großen Bussen für über 200 Personen habe. Ich bin gespannt wie die Diskussion mit neuem Ludwigsburger Gemeinderat und neuem Oberbürgermeister weitergeht.“ Wichtig sei Haas eine schnelle Taktung und die Beschleunigung, etwa durch den Ausbau von Signaltechnik sowie baulichen und verkehrlichen Maßnahmen. Dafür gebe es bereits einen Grundsatzbeschluss des Kreistags vom 12. April, der besagt, dass sich der Landkreis „grundsätzlich mit 50 Prozent an den (von den Kommunen zu tragenden) Kosten“ in Bezug auf die nötige Infrastruktur, die zur Busbeschleunigung benötigt wird, beteiligt.

Haas zur Entwicklung des ÖPNV in 24 Jahren


Mit einem Glas, das halb voll oder halb leer ist, beschreibt Landrat Haas die Entwicklung des ÖPNV in seiner Amtszeit, ohne sich auf eine Antwort festzulegen. „Wir haben viel bewegt, aber es hätte vieles schneller gehen können. Die Bahn auf der Streckenverlängerung Remseck-Pattonville-Markgröningen würde, wenn’s nach mir gehen würde, schon fahren.“

Die Herausforderungen seien groß, die ÖPNV-Entwicklung sei „unglaublich langwierig, nicht billig“ und es sei schwierig, alle kommunalen Partner unter einen Hut zu bringen. „Die Bilanz ist gut, unter Berücksichtigung der Rahmenbedingungen.“ Doch gebe es noch viel zu tun.

1996 habe der ÖPNV-Aufwand im Landkreis bei 15,9 Millionen Euro gelegen, 2019 bei 35 Millionen. „Und das wird in Zukunft nicht reichen, das wird deutlich nach oben gehen – deutlich.“

Die „Goldene Orange“ für langjährige Verdienste für den Nahverkehr im VVS wurde Haas vom VVS-Chef Hachenberger überreicht. hevo

Fahrten im VVS im ersten Halbjahr 2019


0,7 Prozent steigerte sich der Gelegenheitsverkehr auf rund 29 Millionen gelöste Tickets. Dabei machte das vergünstigte Tagesticket ein Plus von 14,3 Prozent, Einzel- und 4er-Tickets sanken um 0,4 und 8,5 Prozent.

4,6 Prozent mehr Fahrgäste kommen aus der Gruppe der Pendler, vor allem durch das Firmen-Ticket mit einer Steigerung von fast zehn Prozent.

7,7 Prozent mehr Ausbildungs-Abos wurden abgeschlossen, die Schüler- und Studenten-Tickets sind gesunken. Das macht der VVS unter anderem an den sinkenden Schülerzahlen fest (2012: rund 57 000 und 2019: 56 000)

3,1 Prozent Plus konnte das Senioren-Ticket verzeichnen, das es ein Jahr lang kostenlos bei Abgabe des Führerscheins bei Personen ab 60 gibt. Bislang fahren laut VVS über 43 000 Fahrgäste damit. bz