Schwerpunkt Digitalisierung Von flächendeckendem Netz noch deutlich entfernt

Kreis Ludwigsburg / Von Andreas Lukesch 17.02.2018

Zu den Institutionen, die seit Jahren unablässig auf einen, vor allem raschen Ausbau der digitalen Infrastruktur pochen, gehört die IHK Region Stuttgart. Der Hauptgeschäftsführer und frühere Stuttgarter Regierungspräsident Johannes Schmalz sieht im BZ-Interview die Region von einer flächendeckenden Versorgung nach wie vor noch weit entfernt.

Herr Schmalzl, die Digitalisierung gehört zu den größten Herausforderungen, vor denen die Wirtschaft nicht nur in der Region Stuttgart steht. Um den digitalen Wandel bewältigen zu können, braucht es eine leistungsfähige Netz-Infrastruktur – ein Punkt, den die IHK seit Jahren anmahnt. Guenther Oettinger sieht Baden-Württemberg beim Netzausbau noch nicht in vorderster Linie. Trifft das auch auf den Großraum Stuttgart zu?

Johannes Schmalzl Tatsächlich ist der Glasfasernetzausbau in der Region Stuttgart bisher sehr unterschiedlich weit vorangekommen, von einem wirklich flächendeckenden Netz sind wir leider noch deutlich entfernt. Selbst die Versorgung mit 50 Megabit pro Sekunde – heute eigentlich Minimum für jeden Betrieb – ist in vielen Gewerbegebieten nicht sichergestellt. Betroffen sind nicht nur Gebiete an den Rändern des Ballungsraums, auch im Stuttgarter Stadtgebiet zeigt der Breitbandatlas des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur weiße Flecken.

Wie wichtig ist die digitale Infrastruktur vor allem für den Mittelstand, der unsere Region auch in der Fläche prägt?

Für den Erfolg der Betriebe aller Größen und Branchen in der Region ist eine leistungsfähige digitale Infrastruktur maßgeblich – heute schon, in Zukunft noch viel mehr. Denken Sie an die Handels- und Logistikbranche, die ohne Onlinetools für Bestellung und Lagerhaltung kaum mehr bestehen können. Auch kleine, innovative Startups entwickeln Produkte und Dienstleistungen, die nur mit verlässlichem Datenaustausch funktionieren. Stichwort Industrie 4.0: Der industrielle Mittelstand und die Weltkonzerne hier vor Ort treiben zurzeit unzählige Digitalisierungsprojekte voran. Dadurch wandeln sich Geschäftsmodelle und -prozesse, werden Datenmengen immer größer, aber auch deren Austausch muss schneller werden und hundertprozentig zuverlässig sein.

In Teilen Asiens ist schnelles Netz an jedem Ort und zu jeder Zeit längst Standard. Was steht zu befürchten, wenn der flächendeckende Ausbau des schnellen Netzes nicht schnell genug erfolgt?

Die Region Stuttgart steht in einem weltweiten Standortwettbewerb. Gute Internetanbindung ist ein gewichtiger Faktor, wenn Betriebe sich überlegen, ob sie hier bleiben, investieren oder sich neu ansiedeln. Letztlich muss die Region bei allen Standortfaktoren – Daten- oder Verkehrsinfrastruktur, Fachkräfteangebot oder Unternehmenssteuern – spitze sein, sonst werden Betriebe mittel- oder langfristig abwandern. Der Vergleich mit Asien zeigt, dass wir beim Ausbau der Infrastruktur in Deutschland manchmal einfach zu langsam sind, etwa weil Genehmigungen und baurechtliche Anforderung kompliziert sind.

Wenn Sie die Wahl hätten zwischen mehr Investitionen ins Straßennetz oder zusätzlichen Geldern für die Netz-Infrastruktur – welchen Bereich würden Sie aus Sicht der IHK priorisieren?

Beides ist wichtig und vor allem gehören Daten- und Verkehrsinfrastruktur untrennbar zusammen, wenn wir neue Wege bei der Mobilität von Menschen und Gütern gehen wollen. Erst Hochleistungs-Datenleitungen entlang leistungsfähiger Verkehrswege machen möglich, dass Wirtschaftsverkehr, private Fahrzeuge, Carsharing und öffentlicher Nahverkehr zu einem sicheren, emissionsarmen und funktionierenden Mobilitätsnetz zusammengeführt werden. Von einzelnen Unternehmern würden Sie sicherlich unterschiedliche Antworten bekommen: Die einen sind mehr auf der Straße unterwegs, die anderen mehr im Netz. Aber selbst ein Spediteur kommt heute nicht mehr ohne eine gute Internetverbindung aus.

Was halten Sie von einem Rechtsanspruch auf schnelles Internet, wie er im Koalitionsvertrag verankert wird, so der denn beschlossen wird? Bringt das auch den Unternehmen etwas?

Die Glasfaserausbaupläne im Entwurf des Koalitionsvertrags sind sicherlich zu begrüßen. Für die Betriebe ist jenseits aller Absichtserklärungen aber wichtig, dass sie schnell und unbürokratisch die Datennetzversorgung bekommen, die sie für ihren Geschäftsbetrieb brauchen. Wenn die Politik einen solchen Rechtsanspruch formuliert, muss sie auch entsprechende Finanzmittel bereitstellen, denn Telekommunikationsanbieter müssten dann auch in Gebieten investieren, in denen sich das vielleicht nicht rechnet.

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