Medizin Von „Dr. Google“ direkt in die Notaufnahme

Der Vorsitzende der Kreisäzteschaft, Dr.  Michael Friederich,  lehnt die Internetrecherche von Patienten nicht generell ab.
Der Vorsitzende der Kreisäzteschaft, Dr.  Michael Friederich,  lehnt die Internetrecherche von Patienten nicht generell ab. © Foto: MARTIN KALB
Gabriele Szczegulski 10.10.2018

Grundsätzlich beurteilt Dr. Michael Friederich, der Vorsitzende der Ärzteschaft des Kreises Ludwigsburg, den Besuch bei „Dr. Google“, wie er scherzhaft sagt und es auch mittlerweile landläufig heißt, nicht negativ. „Der Patient kann gezielt fragen und es ist dann an den Ärzten, die Beobachtungen zu relativieren oder zu verifizieren“, sagt er.

Panik und Unsicherheit

Die Internetrecherche könne aber auch zu Panik, Unsicherheit und Angst führen, wenn sie schwere Krankheiten indiziere. „Diese Menschen kommen dann in die Notaufnahme oder die Notfallpraxis, obwohl der Gang zum Hausarzt reichen würde“, so Friederich. Deshalb, so der Markgröninger Internist, sei er sowie die Kreis-Ärzteschaft für eine Notaufnahme-Gebühr, wie sie Bundesgesundheitsminister Jens Spahn vorschlug, die aber mittlerweile wieder vom Tisch ist. „Dann überlegt sich vielleicht doch mancher mit Halsschmerzen, ob er gleich in die Notaufnahme geht“, so Friederich. Argument der Patienten sei oft, so Friederich, dass man beim niedergelassenen Arzt lange auf einen Termin warten müsste. „Kein Arzt wird einen Patienten mit akuten Beschwerden fünf Wochen warten lassen“, sagt er.

Friederich, der seit 31 Jahren niedergelassener Arzt ist, hat nichts dagegen, dass sich seine Patienten im Internet informieren. „Im Internet sehen die Patienten, wie groß das Spektrum der Information, das auch der Arzt berücksichtigen muss, um die richtige Diagnose zu stellen“, sagt der Internist.

Es gebe sowohl Patienten, die befürchteten, eine schwere Krankheit zu haben, weil ihre Symptome laut „Dr. Google“ auf diese hinwiesen und dann doch nicht so krank seien, wie sie dachten. Es gebe aber auch Patienten, die erst nach einer Internetrecherche kämen, und die dann wirklich krank sind.  „Eine Zwei-Minuten-Diagnostik ist bei einem vorinformierten Patienten nicht möglich“, so der Vorsitzende der Kreisärzte.  „Ein Hausarzt selektiert, ob der Patient zum Facharzt oder ins Krankenhaus muss. Wenn diese Selektion in der Notaufnahme vorgenommen werden muss, geht sie auf Kosten und Zeit der Patienten“, sagt er.

Vorsortierung

Deshalb hat der ärztliche Direktor des Zentrums für interdisziplinäre Notfallmedizin, Prof. Dr. Oliver Hautmann, am Klinikum Ludwigsburg die sogenannte Triage eingeführt, in der Patienten, die in die Notaufnahme kommen, in drei Kategorien ihrer Dringlichkeit nach eingestuft und in dieser Reihenfolge behandelt werden oder zum Arzt, in die Notfallpraxis oder nach Hause geschickt werden. Im Bietigheimer Krankenhaus wird eine zentrale, neu geordnete Notaufnahme am 6. November eröffnet.

Hautmann stellt einen Bezug zwischen Zunahme der Patientenzahlen in der Notaufnahme und der Internetrecherche fest: „Eine große Zahl der Patienten legt die Dringlichkeit ihrer Krankheit selbst fest.“ Er ist gegen die Internetrecherche im Krankheitsfall: „Mittlerweile hat eine erhebliche Patientenzahl einen hohen Behandlungsanspruch an uns, der nicht gegeben ist und der viel Zeit in Anspruch nimmt, und den Menschen, die wesentlich kränker sind, unsere Aufmerksamkeit wegnimmt“, findet Hautmann deutliche Worte.

Notaufnahme, Notfallpraxis oder doch zum Hausarzt?

Wenn eine Erkrankung auftritt wie eine schwere Darminfektion oder starke Magenschmerzen, hohes Fieber und der Hausarzt geschlossen hat, kann man die Notfallpraxen aufsuchen. Aber auch hier rät der Vorsitzende der Kreisärzteschaft, Dr. Michael Friederich, abzuschätzen, ob die Erkrankung so schwerwiegend ist, dass man nicht auf den Termin beim Hausarzt warten kann.

Im Landkreis Ludwigsburg gibt es zwei Notfallpraxen: Im Krankenhaus Bietigheim, Riedstraße 12, und beim Krankenhaus Ludwigsburg, Erlachhofstraße 1. Sie werden von einem Verein, in dem sich Ärzte aus der Kreisärzteschaft zusammengeschlossen haben, organisiert.

Die Notfallpraxis in Ludwigsburg ist montags, dienstags und donnerstags von 18 bis 8 Uhr geöffnet, am Mittwoch von 13 bis 8 Uhr, am Freitag von 16 bis 8 Uhr, samstags und sonntags von 8 bis 8 Uhr.

Im Krankenhaus Bietigheim ist die Notfallpraxis montags bis donnerstags von 18 bis 7 Uhr, freitags bis montags, 16 bis 7 Uhr offen. Außerdem gibt es die Möglichkeit eines ärztlichen Hausbesuchs, Telefon 116117. 

In die Notaufnahme der Krankenhäuser sollten nur Notfälle, die schwerwiegend sind wie Knochenbrüche oder Verbrennungen. Bei lebensbedrohlichen Erkrankungen sollte die Notrufnummer 112 gewählt werden.

Im Landkreis Ludwigsburg gibt es 520 niedergelassene Ärzte, davon 350 Hausärzte. 800 Klinikärzte arbeiten an den Krankenhäusern des Landkreises.  Laut Michael Friederich sind die Fachärzte vor allem in den Ballungszentren Kornwestheim, Ludwigsburg und Bietigheim-Bissingen ansässig. sz

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