Ratten sind weltweit verbreitete Nagetiere, die als Vorrats-, und vor allem als Gesundheitsschädlinge auftreten. In unseren Breitengraden treiben hauptsächlich Wanderratten und Hausratten ihr Unwesen. Zahlreiche Infektionskrankheiten können sie auf den Menschen übertragen. Darunter beispielsweise Tollwut, Tuberkulose, Cholera, Hantaviren, sowie Tierseuchen wie Schweinepest und Geflügelpest. Nicht nur der direkte Kontakt mit den Tieren ist gefährlich, etliche Krankheiten werden auch über den Rattenkot verbreitet. Bereits durch das Einatmen von Kotstaub kann eine Infektion stattfinden. Somit sind diese Schädlinge eine echte Bedrohung für den Menschen. Hinzu kommt, dass Ratten äußerst vermehrungsfreudig sind. Eine Ratte ist bereits nach vier Monaten geschlechtsreif. Aus einem Rattenpaar können bis zu 800 Nachkommen im Jahr entstehen.

Kein Wunder, dass die Nagetiere seit jeher bekämpft werden. „Über die Ratten herrscht bei uns allen nur eine Stimme, daß man sie dahin wünscht, wo der Pfeffer wächst. Sie fressen nicht nur alles Genießbare, sondern werden auch jungen Haustieren, namentlich Enten, Kaninchen, Tauben, Hühnern gefährlich. Selbst fetten Schweinen haben sie schon Löcher in den Speck gefressen“. So heißt es schon in einem Bericht aus dem Enz- und Metter-Boten vom 11. April 1914. „Es ist daher kein Wunder, dass man sie nach Möglichkeit zu vertilgen sucht.“ Als Abwehrmittel wurde damals empfohlen, eine Ratte mit der unteren Körperhälfte in Teer zu stecken und dann das Tier wieder laufen zu lassen. Man ging davon aus, dass die anderen Ratten vor der geteerten Artgenossin flüchteten.

Das Teeren von Ratten hat sich als Bekämpfungsmaßnahme bekanntlich nicht durchgesetzt. Am 24. und 30. November 1936 wurden die Bietigheimer per Zeitungsanzeige aufgerufen, sich in der Apotheke oder Drogerie Giftmittel zu besorgen, um dieses dann an den Stellen auslegen, an denen die Schädlinge aufgetreten sind. Am 29. und 30. März 1940 haben Bietigheim, Bönnigheim und Bissingen abermals zu einer Rattenbekämpfungsaktion vom 27. März bis zum 6. April aufgerufen.

21 Rattenbisse

Ende der 60er-Jahre häuften sich hier in der Gegend die Fälle, bei denen Menschen wegen Rattenbissen ärztlich behandelt werden mussten. 21 Ratten und Mäuse, die nach solchen Attacken zur Untersuchung eingeschickt wurden, waren mit Tollwut infiziert. Anfang 1970 ging man davon aus, dass alleine im Stadtgebiet von Bietigheim rund 20 000 Ratten ihrem gefräßigen Treiben nachgingen. Grund genug, professionelle Unterstützung zu suchen. Eine Firma aus Hanau wurde mit der Bekämpfung der, wie es damals hieß, „grauen und schwarzen Langschwänze“ beauftragt. In einer mehrwöchigen „Vernichtungsaktion“ vom 11. Mai bis zum 6. Juni bekämpfte die Firma Konrad Merz die lästigen und gefährlichen Nager. 15 700 D-Mark bezahlte Bietigheim dafür. Dafür versprach die Firma Merz für drei Jahre eine 100-prozentige Säuberung vom Befall.

Merz setzte damals neuartige Cumarin-Fertigköder ein. Cumarin ist ein Blutgerinnungshemmer. Ratten sind sehr misstrauisch gegenüber neuen Nahrungsquellen. Der Vorteil dieser damals neuen Köder war die zeitverzögerte Wirkung des Giftes. Dadurch bleibt den Nagern der Zusammenhang zwischen Nahrungsaufnahme und Wirkung verborgen. Inzwischen verwendet man mit Erfolg diese Giftköder als Rattenbekämpfungsmittel der sogenannten zweiten Generation mit verbesserter Wirkung. Damit kann man die Population unter Kontrolle halten. Eine 100-prozentige Säuberung verspricht inzwischen niemand mehr.

Dies alles führt dazu, dass die Städte ständig mit der Rattenbekämpfung beschäftigt sind. Ein Rattenbefall ist grundsätzlich immer bei der Polizeibehörde meldepflichtig. Darauf weist Anette Hochmut, Pressesprecherin der Stadt Bietigheim-Bissingen hin. In Bietigheim-Bissingen ist dafür konkret das Ordnungsamt zuständig. Die Bekämpfung führen die Stadtwerke durch. Dazu wird zuerst eine Befallserhebung, ein sogenanntes Monitoring in jedem zweiten Kanalschacht, durchgeführt. Im gesamten Stadtgebiet sind das immerhin rund 2500 Schächte. Je nach Befallsergebnis werden dann im Frühjahr und Herbst flächendeckend Gift-Köder ausgelegt. Nur Fachfirmen dürfen diese Gift-Köder auslegen.

Farbige Pins gegen Ratten

In Bönnigheim werden das ganze Jahr über Ratten bekämpft. Systematisch geht das Team um Albrecht Hamm, Betriebsleiter der Stadtentwässerung, gegen die Schädlinge vor. Anhand des Kanalnetzplans hat Hamm einen sehr guten Überblick über die Lage. Mit farbigen Pins werden ausgelegte Köder-Stellen markiert. Gelb sind aktuell ausgelegte Lock-Köder markiert. Rot markiert Köder mit Verbiss. In diesen Bereichen werden dann gezielt Giftköder ausgelegt. Grüne Pins zeigen, dass hier aktuell kein Rattenbefall vorliegt. Hamm weist darauf hin, dass speziell in Neubaugebieten Abwasserkanäle inzwischen so ausgeformt sind, dass das Abwasser nirgends stehen bleibt, und direkt abfließt. Alleine diese bauliche Veränderung verhindert eine Zunahme der Rattenpopulation, weil eventuell runtergespülte Speisereste nicht mehr im Kanal liegen bleiben und die Tiere zudem dort keinen Unterschlupf mehr finden.

Auf Meldungen der Bevölkerung reagiert man auch in Sachsenheim sofort. Dann werden nach Auskunft von Pressesprecherin Nicole Raichle umgehend Giftköder in den Hauptschächten ausgelegt. Rund zehn Einsätze pro Jahr sind im Schnitt notwendig. Die meisten Meldungen kommen auch hier aus Wohngebieten.

Die Rattenpopulation wird hauptsächlich durch menschliches Fehlverhalten begünstigt. Beispielsweise sollten auf keinen Fall Nahrungsmittel- und Speisereste über die Toilette entsorgt werden. Darauf weisen Anette Hochmut, Albrecht Hamm und Nicole Raichle unisono hin. Durch diese Art der Entsorgung werden die Ratten über die Kanalisation direkt mit Futter beliefert. Die Tiere leben zwar normalerweise nicht in der Kanalisation, nutzen diese jedoch gerne als Verkehrsweg, sozusagen als Autobahn. Alte, stillgelegte Kanäle und leer stehende Scheunen hingegen sind bevorzugte Nistplätze.

Es ist durchaus kein Zufall, dass Ratten so gut wie immer in der Nähe von Wohngebieten anzutreffen sind. Ratten halten sich immer an Orten mit reichem Nahrungsangebot auf. Müllbehälter sollten deshalb auch immer verschlossen bleiben, da sich sonst Ratten bedienen. Überquellende und frei zugängliche Komposthaufen sind ebenfalls eine höchst willkommene Nahrungsquelle für die klugen Nager. Jeder kann mit der richtigen Verwertung von Speiseresten dazu beitragen, dass Ressourcen geschont, und die Rattenpopulation niedrig gehalten wird, so Anette Hochmuth. Essensreste, egal welcher Art, gehören ausschließlich in die Biotonne. Das Biogut kann in alten Zeitungen oder Papiertüten in der Biotonne entsorgt werden. Ist der Deckel der Biotonne dann zu, kommen die Ratten nicht mehr an Futter.