Neue Vorgaben für die Qualitätsprüfung der vollstationären Pflegeeinrichtungen sollen nach jahrelanger Kritik den alten Pflege-Tüv ablösen, bei dem alle Heime Bestnoten bekamen und die veröffentlichen Aussagen nicht wirklich etwas über die tatsächliche Qualität aussagten. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU): „Entscheidend ist, wie es den Pflegebedürftigen tatsächlich geht“. Zudem solle der neue Pflege-Tüv weniger bürokratische Arbeit machen.

Auffälligste Änderung: Es gibt keine Benotung mehr. „Die Noten waren irreführend“, sagt Elke Eckert, Hausdirektorin der Evangelischen Heimstiftung im Robert-Breuning-Stift in Besigheim. Der neue Pflege-Tüv soll vor allem künftigen Bewohnern und Angehörigen verlässlichere Orientierung bei der Auswahl an Pflegeheimen bieten.

„Für die Bewohner ändert sich durch das neue System der Qualitätsprüfung nichts“, sagt Elke Eckert. Es sei aber keinesfalls weniger Bürokratie, eher mehr, zumindest im Vorfeld einer Prüfung. „Wir mussten unsere Mitarbeiter schulen, da das neue System eine inhaltliche und organisatorische Anpassung unserer Dokumentationssoftware bedeutet“, so Eckert. Zwar habe man auch zuvor alles dokumentiert, nun seien aber die Kriterien andere. „Wir müssen jeden Bewohner“, so Eckert, „nach 98 Fragestellungen bewerten und das zweimal pro Jahr zu einem Stichtag“.

„Es ist ein neuer Dschungel an Daten“, sagt Nadine Zenker-Kaiser, Fachbereichsleiterin Pflege und Sozialmanagement der Kleeblatt-Pflegeheime in der Zentrale in Ludwigsburg. Alle Fachkräfte der Kleeblatt-Pflegeheime würden geschult, damit sie zum Stichtag die Daten der Bewohner zusammenfassen und dokumentieren könnten. Aber, so sagt sie, das sei nun mal die Aufgabe von Fachkräften und sie sage den Angestellten, dass die neue Qualitätsprüfung auch eine Dokumentation ihre gute Arbeit belege. Im Test habe das Ausfüllen der Patientenbögen anfangs 45 Minuten für eine Fachkraft gedauert, „mittlerweile sind es 20, das wird besser im Laufe der Zeit“, sagt Zenker-Kaiser.

 „Man kann schon durch die detailliertere Darstellung des Zustands eines Bewohners Defizite besser sehen“, sagt Eckert. Schon bisher werde, so sagen die beiden Pflegeleiterinnen, Struktur des Tagesablaufs, Alltagsbegleitung, Pflege, Zustand des Patienten, wie seine Mobiliät oder eventuelle Wunden sowie sein geistiger Zustand,  dokumentiert.

Für Zenker-Kaiser gibt es eine positive Neuerung: das Fachgespräch der Prüfer mit den Fachkräften. „Dadurch werden die Fachkräfte mehr wertgeschätzt, können ihre Meinung sagen und detailliert angeben, wie und warum ein Bewohner so und nicht anders gepflegt wird, und so die Dokumentation ergänzen“, sagt sie. In den Kleeblattheimen des Landkreises, in denen zwischen 24 bis 30 Bewohner leben, werden die Daten momentan noch per Hand aus dem schon vorhandenen Dokumentationssystem zusammengetragen. „Aber beim nächsten Stichtag wird die Software die Daten automatisiert zusammenziehen“, sagt sie.

Bewertung durch Fachpersonal

Die Bewertung durch das Fachpersonal sei aber unumgänglich. „Vor allem hat man schon jetzt in der Vorbereitung gesehen, dass die Pflegekräfte daraus einen Vorteil zogen, weil sie den Fall eines jeden Patienten nochmal genau ansehen, miteinander darüber sprechen und Besserungsvorschläge einbringen können“, sagt Nicole Zenker-Kaiser.

„Schwarze Schafe“ bei den Pflegeeinrichtungen werde man aber so nicht ausmerzen können, darin sind sich beide Pflegeleiterinnen einig. „Ich sage es, wie es ist: Man kann viel dokumentieren“, so Eckert. „Ich glaube, das ist auch nicht gewollt. Die Qualitätsprüfung soll die Pflege in einem transparenteren Licht darstellen, ob das für die Nutzer später alles so verständlich ist, wird man sehen“, so Zenker-Kaiser.

Zu viele Einrichtungen seien, so Kritiker, in dem bisherigen System zu gut benotet worden, da die Noten aus der Zusammensetzung aller Kriterien generiert worden seien. Kriterien wie schlechte Haut- oder Wundpflege konnten in der Bewertung ausgeglichen werden durch andere Kriterien. Beispielsweise durch schöne Parkanlagen oder „schriftliche Verfahrensanweisungen zu Erster Hilfe“ im Haus. So kamen die Bestnoten zustande. „Da war eine 1,8 schon sehr schlecht“, so Zenker-Kaiser. Eine Verbesserung sei, so Elke Eckert, dass die zu prüfenden Bewohner nicht mehr durch das Zufallsprinzip ausgewählt werden, sondern vorher anhand der Dokumentationen und ihrer Risikofaktoren bestimmt werden.  Insgesamt werden sechs Bewohner pro Heim ausgewählt und drei zufällig vom Prüfer vor Ort – gleichgültig, wie viele Bewohner das Heim hat. Das Robert-Breuning-Stift hat 125 Bewohner und es werden trotzdem nur neun Kunden genauer angeschaut, wie in einem Kleeblattheim mit 25 Bewohnern. „Repräsentativ geht anders“, sagt Zenker-Kaiser. „Ob sich die meisten Bewohner bei uns wohlfühlen, das wird im Ergebnis weiterhin nicht deutlich“, sagt Elke Eckert.

Der Pflege-TÜV: ein neues System zur Qualitätsprüfung


Durch das neue Prüfverfahren, das am 1. November mit der neuen Qualitätsdarstellungsvereinbarung für die stationäre Pflege in Kraft tritt, verändern sich die Prüfinhalte und der Prüffokus der externen Qualitätsprüfungen. Nun kommen ergänzend zu den externen Qualitätsprüfungen durch die Medizinischen Dienste auch von den Pflegeeinrichtungen zu erhebende Qualitätsindikatoren zur Anwendung.

Der Gesetzgeber sieht vier Elemente zur Sicherstellung der Pflegequalität vor: Einrichtungsinternes Qualitätsmanagement (Erhebung der indikatorenbezogenen Daten durch die Pflegeeinrichtung, an zwei Stichtagen im Jahr), externe Qualitätsprüfung durch den Medizinischen Dienst, Qualitätsdialog  und Qualitätsdarstellung als Verbraucherinformation.

Das bedeutet, dass ab sofort die Daten der Pflegeeinrichtungen über die Bewohner nicht mehr nur bei der jährlichen Prüfung abgerufen werden, sondern sie müssen zweimal im Jahr von den Pflegeheimen zu einem bestimmten Stichtag gemeldet werden. Diese Daten der Bewohner werden anhand eines 98-Frage-Katalogs erfasst und anonymisiert an eine zentrale, unabhängige Datenauswertungsstelle weitergegeben. Dort werden die Fragen in 15 Indikatoren zusammengefasst, die die Qualität der Einrichtung ergeben.

Der Medizinische Dienst prüft einmal jährlich angekündigt, anstatt unangekündigt wie bisher. Bei der Ankündigung werden sechs Bewohner genannt, die insbesondere überprüft werden, dabei handelt es sich um sogenannte Risikopatienten, drei werden zufällig vor Ort ausgewählt. Früher wurden alle Bewohner vor Ort per Los ausgewählt.

Bestandteile der Prüfungen vor Ort sind wie bisher die Inaugenscheinnahme von Bewohnern und die Einsicht in Pflegedokumentationen. Die Sichtweise der Bewohner und das Fachgespräch mit Pflegekräften wird aber stärker ins Gewicht fallen als bislang.

Die Ergebnisse der Prüfung werden im Internet als auch als Aushang in den Einrichtungen veröffentlicht, so wie bisher auch. Allerdings gibt es keine Pflegenoten mehr, sondern eine detailliertere Darstellung der Prüfergebnisse plus Informationen zum jeweiligen Pflegeheim. sz