Der Verkehr im Landkreis nimmt immer weiter zu, gleichzeitig wird versucht, den Individualverkehr einzudämmen, vor allem durch den ÖPNV. Eine große Lücke ist aber dort zu finden, wo Busunternehmen aufgrund wirtschaftlicher Bedenken keine oder nur selten Fahrzeuge hinschicken. Das betrifft vor allem entlegenere Ortsteile oder Strecken innerhalb einer Gemeinde. In einigen Kommunen im Landkreis wird diese Lücke ausgefüllt von Bürgerbussen. Ein solcher wurde jüngst auch für Sachsenheim zur Diskussion gestellt – beim diesjährigen Wirtschaftsgespräch des Lichtenstern-Gymnasiums. In Besigheim versuchen verschiedene Akteure seit Längerem einen Bürgerbus auf die Beine zu stellen, in Kirchheim fährt schon einer. Die BZ hat den Blick in den Landkreis gerichtet und stellt einige Beispiele vor.

Freiberg ging voran

Angefangen hat es im Landkreis mit Freiberg. 2006 startete dort das Projekt. „Ziel war es vor allem, die Mobilität der Senioren zu gewährleisten und das Ortszentrum zu beleben“, sagt Tatjana Bremer, Sprecherin der Stadt. Drei Linien verbinden die unterschiedlichen Ortsteile mit dem Zentrum. Die Fahrer sind, wie bei Bürgerbussen üblich, ehrenamtlich. „Drei bis vier Fahrer haben wir derzeit“, erklärt Bremer. Organisiert wird alles über das Rathaus. Und die Kosten? „Das hält sich in Grenzen“, meint Bremer. 50 Cent kostet die einfache Fahrt, auch damit sich jeder den Bürgerbus leisten kann. Einen niedrigen vierstelligen Betrag koste das alles die Stadt pro Jahr. Weil man einen echten Bürgerbus im Linienbetrieb betreibt, musste zu Beginn eine Abstimmung mit dem Landratsamt und dem ÖPNV-Anbieter erfolgen, um eine Konkurrenz zum ÖPNV auszuschließen.

In Besigheim hat eine Steuerungsgruppe zwei Linienverläufe für einen Bürgerbus geplant. „Die liegen seit Längerem beim Landratsamt zur Genehmigung“, sagt Heinz Streicher, Chef des Bundes der Selbstständigen Baden-Württemberg und Mitglied der Steuerungsgruppe in Besigheim. Gibt das Landratsamt sein OK zu den noch nicht öffentlichen Linienverläufen, will die Steuerungsgruppe damit auf den Gemeinderat zugehen. Geplant ist, dass die Linien jeweils zwei Mal pro Woche gefahren werden, sodass man nur ein Auto bräuchte. Die Steuerungsgruppe stellt sich eine Finanzierung durch die Gemeinde vor. Auch einen Bürgerbusverein könnte es geben, wenn das Landratsamt den Linienplänen zustimmt. Weil davon alles abhängt, kann Streicher keine Prognose und gar einen Zeitplan nennen.

In Tamm gibt es auch eine Art Bürgerbus, aber ohne festen Linienverlauf. 2015 hatte man Mittel zur Finanzierung eines solchen Fahrzeugs. „Ein Bürger fand die Idee des Bürgerbusses gut und hat uns das Auto gespendet“, erinnert sich Schultes Martin Bernhard. Seit einigen Jahren fahren nun ehrenamtliche Fahrer im Wechsel zum Einkaufen, zum Friedhof, zu kulturellen Veranstaltungen oder zu Arztbesuchen. Für den Unterhalt des kostenlosen Busses kommt die Gemeinde auf. Koordiniert werden die Fahrten von der Rathaussekretärin. „Der Bürgerbus ist nicht nur ein Verkehrsmittel, er fördert auch die Teilhabe der Senioren“, erklärt Bernhard.

In Sachsenheim ist das Thema aktuell nicht hochbrisant. Zwar gebe es vor allem aus dem Kirbachtal immer wieder Klagen über die schlechte Anbindung und der Wunsch nach Verbesserung. Einen Aufschrei nach einem Bürgerbus sei aber bisher weder bei Ortsvorsteher Holger Springer in Häfnerhaslach noch im Rathaus in Großsachsenheim vernommen worden, wie die Verantwortlichen betonen. „Natürlich ist das Thema Bürgerbus grundsätzlich durchaus interessant“, sagt der neue Fachbereichsleiter Technik, Thomas Feiert. „Aber es geht immer um den Bedarf. Den müsste man zunächst ermitteln. Und ich habe bisher nicht festgestellt, dass dieser akut wäre.“ Matthias Friedrich, Wirtschaftsförderer der Stadt, ergänzt: „Das ist letztlich eine Frage der Wirtschaftlichkeit.“ Wegen des vielen Verkehrs soll das Thema auf jeden Fall im Hinterkopf behalten werden.

In Bietigheim-Bissingen geistert das Thema Bürgerbus auch immer mal wieder durch verschiedene Gremien. „So richtig etwas Konkretes gibt es aber bislang noch nicht“, erklärt Renate Wendt, Vorsitzende der Aktiven Senioren Bietigheim-Bissingen. Grundsätzlich seien Bürgerbusse eine gute Idee. Wendt will das Thema im nächsten Jahr bei einer Veranstaltungsreihe der Aktiven Senioren noch mal auf die Tagesordnung bringen.

Die verschiedenen Formen von Bürgerbus-Angeboten


Bürger fahren für Bürger! So lautet das Prinzip Bürgerbus. Dabei gibt es viele Möglichkeiten, ein Angebot zu entwickeln.

Der Bürgerbus (Kleinbus auf einer festen Linie) und das Bürgerrufauto (Auto oder Kleinbus auf Vorbestellung) sind als Verkehrsangebot für die Allgemeinheit gedacht, auch wenn es jeweils bestimmte Hauptnutzergruppen gibt. Der soziale Bürgerfahrdienst (Sammeltouren mit Kleinbus oder größerem Pkw) und der Pkw-Bürgerfahrdienst (Fahrgelegenheiten in privaten Wagen der Ehrenamtlichen) beschränken sich dagegen von vornherein auf bestimmte Fahrgastgruppen und/oder Fahrtzwecke. Allen gemeinsam ist der bürgerschaftlich getragene Betrieb. bz

Das sagen Bürgerbus-Experten


Positiv äußern sich auch die Experten zum Thema Bürgerbus: Dr. Martin Schiefelbusch von der Nahverkehrsgesellschaft Baden-Württemberg und Fred Schuster, Geschäftsführer des Vereins Pro Bürgerbus Baden-Württemberg. Schiefelbusch betont aber, dass Bürgerbusse nur eine Ergänzung zum ÖPNV und nicht die Lösung für das Verkehrsproblem in der Region sein können. Für ihn ist der Knackpunkt, wie lange Ehrenamtliche mitmachen. Ohne diese sterbe das Angebot. Deshalb könne man nicht zu sehr auf die Bürgerbusse setzen. Sie könnten höchstens punktuell entlasten.

Schuster sieht in Baden-Württemberg einen Trend hin zu Bürgerbussen und kämpft für größere Unterstützung der Angebote vom Land. An manchen Stellen würden sie sogar schon in das ÖPNV-Netz integriert. Das sei allerdings mit Vorsicht zu genießen, denn vor allem der Fahrpreis unterscheide sich doch erheblich. Dennoch unterstützt sein Verein immer wieder Neugründungen von Bürgerbussen. Nach offiziellen Angaben gibt es im Land bereits mehr als 80 Bürgerbusse. fr