Im Gewerbegebiet Ottmarsheimer Höhe, das einen weiten Blick auf die Weinbergsteilhänge an der Neckarschleife zwischen Pleidelsheim und Besigheim zulässt, will der 58-jährige Maschinenbauingenieur Markus Mezger aus Freiberg medizinische Schutzmasken produzieren. Nicht erst im Sommer oder noch später wie andere deutsche Firmen, sondern Anfang Mai. Zunächst 15 000 pro Tag, binnen acht Wochen – so lange braucht er für zusätzliche Werkzeuge – täglich bis zu 600 000 Stück. „Vorausgesetzt, der Bedarf ist da“, sagt Mezger.

Bis es losgeht, steht dem Unternehmer in diesen letzten Apriltagen ein heißer Tanz bevor. Er öffnet die feuerfeste Tür zu einer Umkleideschleuse. Um in einen von zwei Sauberräumen zu gelangen, müssen ein Haarnetz, Handschuhe, ein weißer Overall und Überschuhe angezogen werden. In der recht kahlen Werkstatt stehen neben diversen bunten Materialboxen fünf Produktionstische, bestückt jeweils mit einer 30 Zentimeter hohen Handhebelpresse, und ein Kontrollpult.

Mezger legt eine Kunststoffhalbschale auf ein Widerlager, zieht den Hebel zu sich und bugsiert ein handtellergroßes Vliesläppchen in eine Aussparung der Mund-Nase-Maske. Medizinisches, doppelseitiges Klebeband, das an einen Einweckgummi erinnert, schweißt die Komponenten zusammen. Der Kunststoff ist stabil wie ein dünner Joghurtbecher, muss sich dabei an die untere Gesichtshälfte luftdicht anschmiegen und gleichzeitig im Innern einen Hohlraum bilden. „Zum angenehmeren Schnaufen“, sagt Mezger.

Der Filter besteht aus einem dreischichtigen Vlies und Polypropylengewebe, das Schadstoffe und Viren von Rachen und Lunge seines Trägers fernhält. Das Material filtere Schmutzpartikel in der Luft auf knapp ein Zwanzigstel heraus, was der Norm für sogenannte FFP-2-Masken entspreche. Die Anforderungen bei FFP-3 sind sechsmal höher.

Bereits Anfang des Jahres hatte der Ingenieur in der Türkei Atemschutzmasken herstellen lassen. Ein Video zeigt, wie in kleinen Siegelöfen die Komponenten verklebt werden. Alle zehn Sekunden entsteht eine Maske. Doch der türkische Zoll habe ihre Ausfuhr kurzfristig unterbunden. „Seither stelle ich auf die Produktion in Deutschland um“, sagt Mezger.

Die Kunststoffkörper werden in der Region geformt. In der Diakonie-Werkstatt für Behinderte in Weinheim an der Bergstraße stanzen Beschäftigte die Öffnungen für die fünf auf sechs Zentimeter großen Vliesrechtecke heraus. In der zweigeschossigen Halle in Ottmarsheim werden Atemfilter und Maskenrohlinge zusammengepresst. „Auch die Qualitätskontrolle machen wir hier“, sagt Mezger.

Für die Produktion in der Türkei hatte der 58-Jährige eine Lizenz. Für das Label „made in Germany“ benötigt er eine neue Zulassung, wofür ein Prüflabor in Berlin angefragt ist. „Ich bin gespannt, wie schnell die sind“, sagt Mezger. Es könnte ein Flaschenhals in seinem Vorhaben werden. Zur Not will er sich an die relativ teuren Prüfer der Stuttgarter Dekra wenden. Sie verlangen für die Zertifizierung 10 000 Euro. „Viel Geld für einen kleinen Betrieb“, sagt Mezger.

Eine andere Hürde ist die Versorgung mit Vlies. Für die erste Tranche an Masken hat er eine Rolle mit 1500 Meter Vliesfolie auf Lager, weitere Quellen hat Markus Mezger in Dubai und Frankreich aufgespürt. Beginnen mit der Produktion will er trotz der womöglich verzögerten Zertifizierung gleichwohl zur Monatswende. Das sei ein „gewisses Risiko, aber ich habe ein gutes Gefühl, dass ich die Norm FFP-2, wenn nicht gar FFP-3 erreiche“.

Mezger stülpt sich einen Kunststoff-Rohling ohne Atemöffnung übers Gesicht und holt Luft – die Maske presst sich sofort dicht an Kinn und Wangen. Das Hauptgeschäft seiner Firma Mematec war bisher die Herstellung von Asthma-Inhalatoren. Die Handpumpen liefert er weltweit aus. Wegen der Corona-Krise bekommt er zurzeit jedoch keine Bauteile, seine zehn Mitarbeiter sind „im Zwangsurlaub“. Nun sollen sie alternativ die Atemschutzmasken anfertigen, die Handpressen werden dafür mit neuen Adaptern ausgerüstet.

Die medizinischen Hilfen für Atemwegserkrankte, sagt Mezger, „bleiben der Kern meines Portfolios“. Der Kontakt zur pharmazeutischen Industrie, das Wissen um deren Qualitätsmaßstäbe – das sei sein Vorsprung gegenüber jenen Maskenproduzenten, die bisher beispielsweise Kaffeefilter hergestellt haben und nun umsatteln. Auch habe er schon Gespräche mit dem Klinikum in Ludwigsburg geführt.

Der Freiberger Firmenchef will ausschließlich baden-württembergische Kliniken und Pflegeheime mit Schutzmasken beliefern – jetzt, da die Ausstattung der Einrichtungen wegen des zusammengebrochenen Handels mit Fernost unsicher ist. „In diese Lücke springe ich.“

Vorvergangene Woche hat die Bundesrepublik angekündigt, die einheimische Produktion von Schutzmasken zu unterstützen. Mit 40 Millionen Euro soll die Herstellung von Vliesstoff gefördert werden. Mit einem Start sei jedoch frühestens in drei Monaten zu rechnen.

Mezger, der seine Einmalmasken zum Preis zwischen 2,50 und 4,50 Euro verkaufen will, hält, ganz schwäbischer Unternehmer, nicht viel vom Gängelband staatlicher Hilfe: „Ich habe Pilotkunden, die Kontakte zu den Krankenhäusern haben, und stehe als Firma gesund da.“