Ludwigsburg / Von Frank Ruppert  Uhr

Nitrat treibt derzeit die Landwirte um. Weil die Belastung im Grundwasser in Deutschland zu hoch ist, hat die EU Strafzahlungen angedroht. Wie sieht es im Landkreis Ludwigsburg aus?

Nach Angaben des Landratsamts, das sich auf die Grundwasser-Datenbank der Wasserversorger beruft, liegt der Jahresmittelwert 2018 für den Kreis bei 30,1 Milligramm Nitrat pro Liter. Im Jahr 2017 lag der Wert mit 30,4 Milligramm noch etwas höher. Damit nimmt der Landkreis im Bereich des Regierungspräsidiums Stuttgart den dritten Platz nach Heilbronn Stadt (40,3 Milligramm) und dem Main-Tauber-Kreis (30,2) ein.

„Die Nitratbelastung im Landkreis Ludwigsburg ist viel zu hoch“, sagt Bernd Röhrle, Pressesprecher vom Zweckverband Landeswasserversorgung. Der Verband beliefert rund 250 Städte und Gemeinden – darunter Ludwigsburg und Stuttgart – mit etwa 90 Millionen Kubikmetern Trinkwasser pro Jahr. Zwar schöpfe der Verband kein Wasser im Kreis, aber beliefere in der Region Städte. Zudem sei die Beimischung von Wasser, etwa aus dem Bodensee, ein Mittel, um die Nitratbelastung im Wasser zu senken.

Erst ab einem Wert von 37,5 Milligramm/Liter gilt ein Gebiet als stark belastet. Das war im Landkreis zuletzt 2001 der Fall. Der gesetzliche Grenzwert liegt sogar bei 50 Milligramm pro Liter „Der Warnwert (37,5) heißt aber schon, dass wir im roten Bereich sind“, meint Röhrle. Eigentlich sollten die Böden auf die von Natur aus gegebenen Werte von 10 bis 15 Milligramm zurückgeführt werden, findet er.

Für Röhrle sind die Ursachen klar. Man habe etwa auf der Schwäbischen Alb festgestellt, dass 85 Prozent der Nitratbelastung aus der Landwirtschaft, 10 Prozent vom Verkehr und 5 Prozent von defekten Abflussleitungen stamme. Diese Werte seien grob auch für andere Region anwendbar. Im Kreis Ludwigsburg gebe es viel intensiv genutzte Nutzfläche mit Pflanzen, die viel Düngung bräuchten. Dazu gebe es weniger Wald als anderswo. Der Forst könne den Stickstoff, der zur Nitratbelastung führt, binden. Röhrle spricht sich für genauere Kontrollen der Landwirte und ihrer Düngung aus. Außerdem plädiert er für mehr Biolandwirte, weil die weniger düngten.

Für den Chef des Bauernverbands Heilbronn-Ludwigsburg, Eberhard Zucker, macht man sich die Sache zu leicht, wenn wieder nur auf die Bauern gezeigt wird: „Wir tun schon viel, aber die Düngemittelverordnung ist erst zwei Jahre alt“. Es brauche viele Jahre bis man die Belastung verringert habe. Die Bauern hätten durch die verschärften Anforderungen schon mehr Papierkram zu erledigen und würden auch überprüft. Außerdem spiele die oft gescholtene Tierhaltung in der Region nur eine kleine Rolle.

Früher sei auch deshalb zu viel gedüngt worden, weil man eben nicht die Messtechnik für den Acker wie heute zur Verfügung habe. „Die meisten Bauern achten schon sehr genau darauf, nur so viel zu düngen wie die Pflanzen auch verwerten können“, sagt Zucker. Man könne aber das Wetter nicht beeinflussen, das spiele nämlich auch eine wichtige Rolle bei der Pflanzenentwicklung und ihrer Aufnahmefähigkeit.

Der Bauernchef fordert mehr Geduld, auch von der EU. Zudem solle man den Blick weiten. Aus seiner Sicht spielten undichte Abwasserleitungen eine größere Rolle bei der Grundwasserverunreinigung als vielfach angenommen. Ganz ohne Düngen gehe es im Übrigen nicht, weil die Landwirte nur so hohe Qualität abliefern könnten.

Das steckt hinter Nitrat und dem gesetzlichen Grenzwert

Nitrate sind Salze der Salpetersäure  und sehr gut in Wasser löslich. Als Mineraldünger werden sie in der Landwirtschaft in Form von Kalium-, Kalzium-, Natrium- oder Ammoniumnitrat verwendet. Organische Stickstoffverbindungen sind etwa in Wirtschaftsdünger (Gülle) enthalten. Nitrat wird von den Pflanzen über die Wurzeln aufgenommen. Nitrat kann in einem umgekehrten Prozess im Boden bakteriell bis zum elementaren Stickstoff reduziert werden.

Der Grenzwert von 50 Milligramm je Liter zielt vor allem auf den Schutz von Säuglingen ab. Kinder, die jünger als drei bis sechs Monate sind, haben ein weniger saures Magenmilieu als ältere Kinder. In der Folge kann zu viel Nitrat unter anderem zu einer reduzierten Sauerstoffaufnahme im Blut führen. Diese Gefährdung tritt jedoch erst dann auf, wenn der Grenzwert überschritten ist.

Außerdem hat eine zu hohe Nitratkonzentration im Wasser gravierende Auswirkungen auf die Natur. Fast die Hälfte aller Ökosysteme in Deutschland sind laut Naturschutzbund mittlerweile von Eutrophierung und Versauerung betroffen. Durch den eingetragenen Stickstoff werden die meist stickstoffarmen Ökosysteme in Deutschland überdüngt.

Trinkwasser ist so gut überwacht, dass man sich keine Sorgen über zu viel Nitrat machen muss. Anders sieht es beim Grundwasser aus: In Deutschland weisen etwa 18 Prozent der Messstellen Nitratgehalte über dem Schwellenwert von 50 Milligramm je Liter auf. bz