Tränen am Deutschen Eck

knz 07.11.2018

Ende der 1940er-Jahre lebte meine heute 81-jährige Mutter einige Jahre in Koblenz und ging dort zur Schule. In den Ferien musste sie tagtäglich mit ihrem blinden Großvater zum Deutschen Eck spazieren, weil der wissen wollte ob „der Kaiser Wilhelm“ wieder da ist. Während des Krieges war das Reiterstandbild durch Bomben stark beschädigt worden, den Kaiser selbst hatten die Nazis wohl in Sicherheit gebracht, bis heute wurde er nicht gefunden, heißt es. Erst in den 1990er-Jahren wurde eine Replik des Standbilds auf dem riesigen schwarzen Steinsockel installiert. Meine Mutter konnte also nie zu meinem Urgroßvater sagen: „Der Kaiser ist wieder da“. Aber in der vergangenen Woche hatte meine Mutter diese Gelegenheit. Nach fast 70 Jahren kam sie zum ersten Mal wieder nach Koblenz. Es war nicht Kaiserstreue, die ihr die Tränen in die Augen angesichts des wiederhergestellten Standbilds trieb.

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