Ein Aufschrei ging Anfang des Jahres durchs Land Baden-Württemberg. Eine Studie des Instituts zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) in Berlin zeigte, dass die Schülerleistungen in Baden-Württemberg nicht mehr überdurchschnittlich gut sind wie zuvor. Ausgewertet wurden Leistungen in Lesen, Orthografie und Englisch in Klasse 9 und daraus ein Rückschluss auf schlechte Grundlagenbildung in der Grundschule gezogen. Deshalb legte die diesjährige Podiumsdiskussion an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg den Fokus auf die Grundschule.

„Baden-Württemberg hat in der IQB-Studie eins auf die Mütze bekommen, weil die Schüler vom Spitzenplatz auf einen guten Mittelplatz abgerutscht sind und nun wird die Schuld auf die Grundschule abgeladen“, sagte Hochschulrektor Professor Dr. Martin Fix. So eine Studie sei ein Totschlagargument und würde im Kultusministerium für „falschen Aktionismus“ sorgen. Das Klassenlehrerprinzip der Grundschule soll in ein Fachlehrerprinzip umgewandelt, Englisch ab Klasse 1 abgeschafft, das Lesenlernen mit der Grundschrift geändert werden, obwohl spezielle Grundschulstudien zeigen, dass baden-württembergische Grundschüler immer noch an der Spitze im Ländervergleich sind.

Studien wie Pisa, IGLU, Timss oder IQB beleuchteten zwei Fachfrauen: Dr. Katrin Böhme war stellvertretende wissenschaftliche Leiterin der Bildungstrendstudien des IQB und mitverantwortlich für besagte Studie. Dr. Heike Wendt ist an der Technischen Universität Dortmund Projektleiterin der Vergleichsuntersuchung IGLU (Internationale Grundschul-Lese-Untersuchung).

Die IQB-Studie zeige zwar, so Katrin Böhme, dass sich baden-württembergische Neuntklässler leicht verschlechtert haben, aber immer noch über dem Mittelwert aller deutschen Länder liegen.  Es sei aber festzustellen, so Böhme, dass im Kompetenzbereich Lesen die baden-württembergischen Schüler sich verschlechtert hätten. 58 Prozent der Neuntklässler erreichen, sagte sie, den Regelstandard. Die besten deutschen Länder liegen bei 62 Prozent.

Heike Wendt stellte klar: „Ein Rückschluss, dass die Grundschule Schuld an der Verschlechterung beispielsweise in der Lesekompetenz sei, kann nicht gemacht werden.“ 2011, bei der letzten Grundschulstudie, hätte sich ein „positives Bild“ gezeigt, die baden-württembergischen Grundschüler hätten „gute Leistungen in allen Stufen der Lesekompetenz“, sagt sie, aber man sehe auch, dass jeder fünfte Viertklässler ein Risikoschüler sei, weshalb ihre Schlussfolgerung sei, dass die Leseförderung weitergeführt werden müsse.

Ob eine Grundschulschelte gerechtfertigt sei, diskutierten auf dem Podium Dozenten der PH.  Es wurde darauf hingewiesen, dass Baden-Württemberg im Ländervergleich das „schlechteste Lehrer-Schüler-Verhältnis“ habe. Die Lehrerzeit pro Schüler sinke weiter, hier müsse man ansetzen, nicht an den Inhalten oder Lernmodellen, sagte Schulleiter Michael Hirn aus Stuttgart. Während hierzulande weniger Geld für Leseförderprogramme ausgegeben werde, hätten, so sagte  auch Katrin Böhme, andere Länder eher mehr darin investiert.

Englisch nicht mehr in Klasse 1

Auch der Dozent für Englisch an der PH, Professor Dr. Jörg Keßler, wies daraufhin, dass während hierzulande der Englischunterricht ab Klasse 1 zugunsten von mehr Mathematik- und Deutschunterricht abgeschafft werden soll, die im Ranking aufgestiegenen Länder ihre Lehrkräfte mit Fortbildungen und Auslandsaufenthalten noch mehr als seither unterstützten.

Zu wenig Fortbildung

Sonderpädagoge Professor Dr. Marco Ennemoser meinte, dass man statt in teure Vergleichsstudien zu investieren, lieber Studien über Unterrichtskonzepte finanzieren und diese auch an die Schulen weitergeben sollte „In Fortbildung der Lehrer wird viel zu wenig investiert, außerdem können die Schulen es sich aus Personalmangel nicht erlauben, ihre Lehrer auf Seminare zu schicken“, sagte er. „In der Lehrerfortbildungen ist unser Land Schlusslicht“, so Ennemoser.

Oft würde behauptet, so Professor Dr. Heike Deckert-Peaceman, Grundschulpädagogin, dass die Inklusion schuld an einer Verschlechterung der Leistungen sei. Das sei nicht nachweisbar, so Katrin Böhme. Deutschlandweit hätten die Länder einen Schnitt von 31 Prozent inklusiver Schüler, in Baden-Württemberg seien es nur 15 Prozent. „Wir laufen auf ein richtiges Drama in der Inklusion hin“, sagte Deckert-Peaceman. „Wir durften bisher zu wenige Sonderpädagogen ausbilden, die Zahl von inklusiven Schülern steigt, aber die Schulen sind schlecht ausgestattet“, sagte Marco Ennemoser.