Marbach / MIRIAM STAUDACHER Das Marbacher Kraftwerk ist der Schauplatz eines Theaterspaziergangs des Theaters unter der Dauseck. Gespielt wird „Tell“ von Friedrich Schiller.

„Klick. Klick. Klick.“, macht der Counter Clicker von Silke Deuschel vom Vorstand des TuD. Sie ist eine von fünf Helferinnen hinter den Kulissen und zählt die Besucher. „Heute bei der öffentlichen Generalprobe sind es 56; bei den Aufführungen kommen dann bis zu 120 Gäste. Da wir mit dem Kraftwerksgelände eine Hochsicherheitszone betreten, ist es unabdingbar, beim Eintreten und beim Verlassen die genaue Personenzahl zu erfassen“, so Silke Deuschel. Und tatsächlich warnen vielfach am Zaun angebrachte Schilder Unbefugte vor dem Betreten: Eine Tatsache, die der eh schon außergewöhnlichen Spielstätte eine noch intensivere atmosphärische Dichte verleiht.

Gefährlich wird es für den Besucher nicht, umso mehr für den Tell in „Tell“, bei dem die Theaterspaziergänger einmal rund um das langgestreckte Turbinenhaus geführt und Zeuge von der Auflehnung des gottesfürchtigen und freiheitsliebenden Wilhelm Tells gegen die machtbesessene Obrigkeit werden.

Die tritt in Gestalt des tyrannischen Vogts Gessler auf, ein Anti-Sympathieträger sondergleichen, der alles daran setzt, den aufrührerischen Tell (mund-)tot zu machen. Gleich in der ersten Szene wird klar: Der Bund, den das archaisch anmutende Industriesetting (das damals mit Steinkohle betriebene Kraftwerk ging 1940 ans Netz) mit dem Geschehen um Tell und seine Gefolgsleute eingeht, ist ein vortrefflicher. Wenn sich Tell (dargestellt von einem sehr spielfreudigen Bernd Schlegel) vom Dach der Halle abseilt, wähnt ihn der Besucher in luftiger Bergeshöhe, während er selbst vom tiefen Tal aus das Spiel verfolgt.

Christine Gnann, die mit Tell ihren neunten Theaterspaziergang mit dem großen Ensemble des TuD inszeniert, setzt mit ihrer Regiesprache wieder einmal Akzente:  Neben der  großen Symbolkraft des Ortes – Öltanks, Turbinenhäuser und die Fischsperre werden zu  Berghöhen, der Neckar zum Vierwaldstättersee, über den Tell rudert, sind es vor allem die wohltuend sparsam eingebetteten zeitgenössischen Elemente: Gessler und seine ebenfalls schwarz gekleideten Schergen brausen im Militärjeep übers Gelände und verbreiten Angst und Schrecken.

Die Regisseurin lässt Interessengruppen chorisch sprechen, einen Wiedererkennungsgruß jodeln und im Gleichklang bewegen. Sie jagt die Darsteller zwischen acht und 73 Jahren (für den Zuschauer nicht sichtbar) enge Steigleitern hoch. Die 100-prozentig Schwindelfreien hängt sie ins Seil: Denen gelingt es bei der öffentlichen Generalprobe mühelos, im Abseilprozess (aus rund 25 Metern Höhe!) das akzentuierte Sprechen nicht zu vergessen. „Die machen das prima“, lobt die Schauspiel-Trainerin Elif Veyisoglu, als Tell und sein Sohn sicher unten ankommen. Und Christine Gnann lässt der Ausstatterin Judith Philipp freie Hand bei den Kostümentwürfen: Entstanden sind alpenländisch-bizarre, sehr farbenfrohe Gewänder.   Marbachs Hauptamtsleiter Thomas Storkenmaier, der sich schon eine Weile mit dem Gedanken getragen hatte, das TuD-Ensemble in die Schillerstadt zu holen, war nach dem sehr ergreifenden Ende des Tell-Spektakels im Kraftwerksgelände begeistert: „Das ist mal ein ganz anderer Blickwinkel, aus dem man Marbach und Schiller betrachten kann“, so Thomas Storkenmaier. „Der Industriecharakter des Geländes passt nicht nur eins zu eins zu diesem Werk, sondern unterstreicht dazu noch dessen Aussage.“

Info
Aufführungszeitraum: 1. Juli bis 31. Juli. Die Premiere an diesem Freitag ist ausverkauft, ebenso einige der Aufführungen. Für folgende Termine gibt es noch Karten: 2., 3., 16., 24., 29., 30. und 31. Juli. Informationen und Karten unter Telefon (07143) 93 90 936 und im Internet.

www.theater-dauseck.de