Kreis Ludwigsburg / Frank Ruppert

Vor einem Jahr wurde in den Regionen Stuttgart und Tuttlingen das kassenärztliche Telemedizinangebot gestartet. Die Bilanz zum Projekt „docdirect“ der Kassenärztlichen Vereinigung fällt positiv aus. Derzeit suchen danach jeden Tag zehn bis fünfzehn Frauen und Männer in Baden-Württemberg einen Telemediziner auf. Wer zum Telearzt will, muss zunächst einer Fachangestellten seine Daten und Krankheitssymptome übermitteln. Danach erstellt die Mitarbeiterin ein „Ticket“, das sich dann der nächste freie Telemediziner greift. Er ruft den Patienten per Telefon oder Video zurück und gibt Empfehlungen für die Behandlung, oder der Patient wird an eine Arztpraxis vermittelt.

„Die Kassenärztliche Vereinigung hat das Angebot eingeführt, weil es Druck gab. Private Anbieter gab es schon davor“, erklärt Dr. Thomas Kauth. Der Ludwigsburger Kinderarzt ist stellvertretender Vorsitzender der Kreisärzteschaft. Laut Kassenärztlicher Vereinigung gibt es derzeit keinen Arzt bei „docdirect“ der aus dem Landkreis kommt „aber aus Patientensicht ist es ja eigentlich egal, wo der Arzt sitzt. Denn das ist ja gerade die Idee an der Telemedizin: Ganz egal, ob der Arzt im Schwarzwald oder am Bodensee seine Praxis hat, den Anrufer aus Ludwigsburg versorgt er ja dennoch sehr kompetent“, teilt Pressereferentin Swantje Middeldorff mit.

Kauth sieht das Projekt mit den steigenden Nutzerzahlen nicht negativ, die Versorgungslücke könne es aber nicht schließen. Jährlich gebe es in Baden-Württemberg 70 Millionen Behandlungen, da mache das telemedizinsche Angebot nur einen Bruchteil von 0,05 Prozent aus. „Die Diagnosesicherheit ist viel höher, wenn einem der Patient leibhaftig gegenüber sitzt“, sagt Kauth. So könne man besser die Körpersprache, Haltung und Gesamtverfassung des Patienten wahrnehmen. In ländlicheren Gegenden, wo es sonst im Umkreis keinen Arzt gebe, könne Telemedizin eine gute Ergänzung sein. „In Ludwigsburg sind wir da zum Glück noch gut bestückt“, erklärt der Kinderarzt. Sehr positiv sieht er die Telemedizin auch dort, wo sie den Austausch mit Spezialisten, die nicht vor Ort sind, erleichtert. Die Möglichkeit, Befunde so leichter zu besprechen, nutze er auch schon.

Vor allem in den Kliniken im Landkreis ist die Telemedizin ein wichtiger Bestandteil. „Der Begriff Telemedizin ist sehr umfassend und beinhaltet die Anwendung moderner Informations- und Kommunikationstechnologien“, erklärt Alexander Tsongas, Sprecher der RKH-Kliniken.

Digitale Patienakte

Zur Nutzung digitaler Patientendaten wurde als Pilot im RKH-Krankenhaus Bietigheim und der Klinik für Psychiatrie im RKH-Klinikum Ludwigsburg die digitale Patientenakte eingeführt. Sie soll auf die anderen RKH-Kliniken ausgerollt werden. „Ärzte und Pflegekräfte werden damit in die Lage versetzt, alle Daten des Patienten mobil am Bett aufrufen zu können“, so Tsongas weiter. Im Bereich der Diagnostik und Therapie bauen die RKH-Kliniken das 2016 eingeführte Telemedizin-Netzwerk stetig aus. Neben den Kliniken Ludwigsburg-Bietigheim seien auch die Enzkreis-Kliniken mit der Telemedizin-Zentrale Ludwigsburg vernetzt. Dies ermögliche es den Ärzten dieser kleineren Krankenhäuser, im Rahmen von Tele-Visiten oder im Notfall die Expertise von Ärzten aus Fachgebieten in Anspruch zu nehmen, die es an diesen Krankenhäusern nicht gibt. Derzeit gebe es Gespräche mit Krankenhäusern anderer Träger aus der Region, die diesem Telemedizin-Netzwerk der RKH-Kliniken beitreten möchten.

Seit mehreren Jahren werden zudem in  der Radiologie Patientenbilder digital erstellt und archiviert. Dadurch sind die Röntgen-, CT- und MRT-Bilder der Patienten innerhalb des Klinikverbunds jederzeit verfügbar. Telemedizinische Technologien kommen auch bei der Behandlung von Tumorerkrankungen zum Einsatz, wo seit Ende 2018 zunächst am Klinikum Ludwigsburg das humangenetische Tumorboard eingesetzt wird. Ein weiterer Baustein ist die Vernetzung der Kliniken mit den Rettungskräften. Unter Einsatz des „Rescuetrack-Systems“ erhalten die Kliniken aus den Rettungsfahrzeugen und dem Rettungshubschrauber medizinische Informationen über den Patienten.