Zum heutigen Tag der Bibliotheken hat die BZ bei Fachleuten nachgefragt, nämlich bei Bibliothekaren aus dem Landkreis, wie sie sich die Bücherei der Zukunft vorstellen.

Hans-Christian Pöhnl, Leiter der Otto-Rombach-Bücherei in Bietigheim-Bissingen, blickt zuversichtlich in die Zukunft: „Ich glaube, dass es auch in 20 oder 30 Jahren die Bibliotheken in ihrer aktuellen Form geben wird.“ Es werde immer auch Menschen geben, die analog lesen. Dass Büchereien immer mehr eher den Charakter eines Treffpunkts und weniger einer Buchentleihstation haben, sei nur einer von mehreren Trends im Bibliothekarswesen. „Für uns hier in Bietigheim sehe ich das aber nicht“, so Pöhnl. Ohnehin laute sein Motto „Das Eine machen, ohne das Andere zu lassen“. Soll heißen: Neuerungen fließen immer wieder in den Betrieb ein, ohne dass andere Angebote dadurch verdrängt werden.

Die Digitalisierung führte aber auch in Bietigheim schon zu Veränderungen, etwa die Onleihe, also das digitale Ausleihen von E-Books. Das mache heute, elf Jahre nach Einführung, 25 Prozent aller Ausleihen aus. Die Bücherei sei aber natürlich als Standort weiter wichtig, nur eben anders als früher. „Wir haben uns etwa gefragt, ob wir überhaupt noch Desktop-PCs anbieten müssen. Heute sind wir sehr froh, dass wir uns dafür entschieden haben“, sagt Pöhnl. Viele Menschen hätten schlicht zu Hause keinen PC mehr, weil sie mit Handy oder Tablet ins Internet gehen.

Mithin werden die Bibliothekare heute und auch zukünftig oft ganz anders gebraucht als früher. Beratungen nehmen einen größeren Raum ein. „Früher wurde der Fokus noch stärker auf die Medienauswahl und -beschaffung gelegt“, sagt der Büchereileiter. Heute verbrächten seine Mitarbeiter auch viel Zeit mit dem Organisieren von Veranstaltungen in den Räumen der Bücherei. Regelmäßig finden Lesungen, Workshops oder Kinderangebote statt.

Dem Trend zum Treffpunkt hat man in Bietigheim doch ein wenig Rechnung getragen und bei der jüngsten Umgestaltung mehr Platz für den Aufenthalt geschaffen. „Das wäre auch mein Wunsch für unsere Zweigstelle in Bissingen. Da bräuchten wir mehr Platz“, sagt Pöhnl. Wichtig bei der Erweiterung in Bietigheim sei gewesen, dass man nun Platz für Veranstaltungen habe und Studenten und Schüler mehr Raum zum ungestörten Lernen hätten.

Vor einem Jahr übernahm Tordis Oder die Leitung der Stadtbücherei Bönnigheim. Die Bibliothekarin kam in eine Phase des Umbruchs. „Ich bin gerade dabei, ein ganz neues Konzept für die Bücherei zu erarbeiten“, sagt sie. Genauer gesagt erarbeitet sie mehrere Alternativkonzepte. Denn auch die Stadtbücherei ist betroffen vom Masterplan Schulzentrum, den die Stadtverwaltung ausgegeben hat. Die Struktur aller Schulgebäude wird umgewandelt. „Ob wir im Schulzentrum bleiben oder nicht, ist noch nicht raus, deshalb habe ich verschiedene Ansätze“, sagt Oder.

Klar ist allerdings für sie, dass sich die Bücherei dem Äußeren nach und auch vom Inhalt her verändern müssen wird. „Keiner will heute mehr vor einer Masse an Regalmetern stehen, und keiner stöbert mehr darin“, sagt sie.

Aktuelle und im Trend liegende Bücher stelle sie schon jetzt in den Vordergrund, so dass die Ausleiher sie nur noch greifen müssen.  Auch sie weiß, dass Büchereien immer mehr zu einem Treffpunkt werden, an dem man liest, auch Zeitungen und Zeitschriften, im Internet surft oder einfach nur mit anderen einen Kaffee trinkt.

Die Bücherei werde immer mehr zu einem Veranstaltungsort. „Wir merken, dass, wenn Schulklassen bei einer Autorenlesung da sind, anschließend Kinder Bücher ausleihen, die noch nie in der Bücherei waren“, so die Büchereileiterin. In ihrem Konzept werden aber vor allem die Senioren berücksichtigt. „Da müssen wir viel mehr anbieten, auch für Alleinstehende und in der Erwachsenenbildung“, sagt sie. Der erste Schritt aber sei, so Oder, dass es in der Bücherei Bönnigheim überhaupt internetfähige Computer und ein freies W-Lan gebe. „Da sind wir noch in der Steinzeit“, so Tordis Oder. Von Onleihe hält sie nicht viel. „Nicht in einer kleinen Kommune wie Bönnigheim, hier wollen die Menschen noch beraten werden, und Kontakt zu uns ist ihnen ganz wichtig“, sagt sie.

Schon seit 1985 leitet Elke Ehrler-Berg die Sachsenheimer Bücherei. „Die Digitalisierung stellt alle Büchereien vor eine große Herausforderung“, sagt sie. Einen Großteil der Bücher und Informationen gebe es eben mittlerweile digital. „Klar ist allen, dass es nicht so weitergehen kann, wie bisher.“

Große Visionen und Zukunftskonzepte will Ehrler-Berg lieber ihrer Nachfolgerin überlassen, sie selbst gehe in vier Jahren in den Ruhestand. Dennoch reagiert die Bücherei natürlich auf die Digitalisierung: „Mein Ziel ist es, die Menschen in die Bücherei zu bekommen“, sagt Ehrler-Berg. Deswegen hat man sich in Sachsenheim für einen pädagogischen Ansatz entschieden und arbeite eng mit Kitas und Schulen in der Leseförderung zusammen. 130 Veranstaltungen insgesamt habe es in diesem Jahr schon in der Bibliothek gegeben. „So ziehen wir uns unsere Kunden heran“, erklärt Ehrler-Berg.

Auf der anderen Seite soll nach einem Pilotprojekt ab nächstem Jahr eine „Bibliothek auf Rädern“ angeboten werden. Damit zielt man auf ältere und gebrechliche Menschen ab, die nicht mehr selbst in die Bücherei kommen können. „Wir bringen die Literatur zu den Menschen“, so die Bibliothekarin. In Seniorenheimen kann man dann auch Bücher aus der Bibliothek ausleihen.

Und wie steht es mit der Onleihe? „Die hat im vergangenen Jahr den Verlust an physischen Ausleihen kompensieren können, aber die Leute, die Onleihe nutzen kommen nicht in die Bücherei“, bedauert Ehrler-Berg.

Der Kreis hat die meisten Büchereien im Land


Das Statistische Landesamt hat die Bücherei-Landschaft 2018 in Baden-Württemberg ausgewertet, und der Kreis Ludwigsburg schneidet dabei sehr gut ab. Das größte Angebotsvolumen an Medien wiesen die 62 Bibliotheken (Spitzenwert im Land) im Landkreis Ludwigsburg mit knapp 1,2 Millionen Bänden beziehungsweise Medieneinheiten (knapp 30 000 mehr als Stuttgart) aus. Diese wurden fast 4 Millionen Mal entliehen, was einer Entleihungsquote von 7,3 Entleihungen je Einwohner entsprach. Die höchste Entleihungsquote wies mit 8,3 allerdings der Stadtkreis Stuttgart aus. Die niedrigste Entleihungsquote mit 1,4 verzeichnete der Landkreis Freudenstadt. Im Landesschnitt lag die Quote bei 4,7 Entleihungen pro Bürger.

Die Zahl der Bibliotheken im Landkreis Ludwigsburg ist auch deshalb außergewöhnlich, weil man in der Region damit weit vor den anderen Kreisen liegt. Am nächsten kommt noch der Kreis Esslingen, in dem es 41 Bibliotheken gibt. bz