Gericht Täter soll in die geschlossene Psychiatrie

Asperg / Bernd Winckler 09.01.2019

Dieser Stich hätte tödlich enden können. Hat der Syrer, der in der Nacht zum 26. Juni letzten Jahres in einer Haftzelle des Justizvollzugskrankenhauses auf dem Hohenasperg einem Mithäftling einen Löffelstiel ins Auge stach, in Mordabsicht gehandelt? In dem Prozess gegen den psychisch kranken Beschuldigten vor dem Stuttgarter Landgericht bekundet ein Augenarzt, dass der sechs Zentimeter Stich unter Umständen zum Tode geführt hätte.

In ersten Anhörungen hatte der 24-jährige Syrer den Pflegern und Ärzten des Hohenasperger Gefängnisses gesagt, er habe durch den Stich in das Auge des Mithäftlings den Propheten rächen wollen. Denn das Opfer habe seinen Prophet zuvor durch Worte beleidigt und beschimpft. Nach den Ermittlungen der Staatsanwaltschaft war der 24-Jährige in der Tatnacht gegen 1.30 Uhr in der Viermann-Zelle plötzlich aufgestanden, ging zu einem Schrank und holte dort vermutlich den Plastiklöffel heraus, den er dann blitzschnell in ein Auge des neben ihm schlafenden Mithäftlings wuchtete. „In Tötungsbilligung“, wie der Vorsitzende der Stuttgarter Schwurgerichtskammer am gestrigen zweiten Verhandlungstag nach erster Erkenntnis sagte. Die Anklage hingegen lautet auf versuchten heimtückischen Mordes.

Die Zelle im Hohenasperger Vollzugskrankenhaus ist wegen der durch psychische Auffälligkeiten gefährlichen Insassen video-überwacht. Der fast tödlich geendete Vorgang war den Überwachern also nicht entgangen, wie sie gestern im Zeugenstand berichteten. Man habe am Monitor gesehen, wie der Mann sich plötzlich auf das schlafende Opfer stürzte und sich an ihm zu schaffen machte. Rasch wurde Alarm ausgelöst und ein Notarzt benachrichtigt, der Beschuldigte inzwischen gefesselt aus dem Raum geführt. Dabei soll er den brisanten Satz gesagt haben, wonach er mit der Tötung des Mitgefangenen den Propheten rächen wollte. Zeugen berichten auch, dass der Angeklagte sehr religiös ist, mehrfach betet und sich nach islamischem Recht zuvor wäscht. Er und auch das Opfer befanden sich wegen psychischer Krankheit in dem gesicherten Bereich der Anstalt.

Der Augenarzt einer Stuttgarter Klinik, bei dem das Opfer mit dem Löffel in der Augenhöhle noch in der Tatnacht eingeliefert wurde, stellt zwar keine lebensgefährlichen Verletzungen fest, betonte jedoch im Zeugenstand, dass nur wenige Millimeter ausgereicht hätten, und das Opfer hätte den Stich nicht überlebt. An einer Kopf-Attrappe erklärt der Mediziner den Richtern, dass zum Beispiel der Löffelstiel extrem nahe und diagonal am Gehirn endete. Potenziell wäre es tödlich gewesen, wenn dabei der obere Rachenraum betroffen und Blutgefäße erfasst worden wären. Dann hätte es einen inneren Blutstau gegeben, an dem der Patient schließlich erstickt wäre.

Keine Angaben zur Tat

Der Beschuldigte selbst, der zum Tatvorgang keine Angaben macht, soll laut einem psychiatrischen Gutachten infolge einer paranoiden Schizophrenie schuldunfähig sein. In diesem krankhaften Zustand sei der Mann aber eine Gefahr für die Allgemeinheit und müsse – so der Antrag des Staatsanwalts – in einer geschlossenen psychiatrischen Einrichtung untergebracht werden. Strafrechtlich hingegen, könne man ihn daher nicht belangen. Infolge der psychischen Krankheit könnten von ihm weitere ähnliche Taten verübt werden, was durch die Unterbringung verhindert werde.

Das Opfer erlitt wie durch ein Wunder durch den Stich in die Augenhöhle keine lebensgefährlichen und bleibenden Verletzungen. Das Augenlicht war dabei nicht betroffen, weil der Löffelstiel nach Auskunft des Gerichtsmediziners nur durch die seitliche Augenhöhle eindrang. Dennoch habe er großes Glück gehabt. Er selbst bekundete, dass er nie und nimmer den Propheten beleidigt oder gar beschimpft habe.

Das Urteil soll am 24. Januar gesprochen werden.

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