Drogen Sucht im Alter beschäftigt Beratungsstellen im Kreis

Landkreis Ludwigsburg / Frank Ruppert 18.07.2018

Sucht betrifft immer mehr alte Menschen. Zu der Einschätzung kommen sowohl die Caritas als auch die Diakonie im Kreis. Beide betreiben Suchtberatungsstellen. Betrachtet man nur den Jahresbericht der Suchtberatung in Bietigheim, die die Diakonie betreibt, könnte man allerdings zur Schlussfolgerung kommen, dass es immer weniger ältere Menschen mit Suchtproblemen gibt. Dort sind die Zahlen derer, die über 60 Jahre alt sind, und eines der Angebote wahrnehmen, nämlich leicht rückläufig.

„Es gibt aber immer mehr ältere Menschen, also ist es eher wahrscheinlich, dass wir viele gar nicht erreichen“, sagt Martina Heißwolf. Sie ist Psychologin bei der Beratungsstelle in Bietigheim und hält Referate zum Thema „Sucht bei Älteren“. Natürlich spiele bei den niedrigen Zahlen – nur etwa zehn Prozent der Fälle bei der Suchtberatung sind Menschen über 60 – auch eine Rolle, dass viele Süchtige dieses Alter gar nicht erreichen. Dennoch war 2017 die größte Altersgruppe bei den Beratungsstellen im Kreis diejenigen zwischen 50 und 59.

Schon das Viertele ist zu viel

Grundsätzlich komme durch den demografischen Wandel der Altersgruppe über 60 eine immer größere Bedeutung zu. 28 Prozent der Männer und 18 Prozent der Frauen über 65 betreiben einen riskanten Alkoholkonsum, sagt Heißwolf: „Dabei ist zu beachten, dass ein älterer Körper Alkohol schlechter verträgt als ein junger.“ In diesem Alter sei nicht das berühmte Viertele eine gute Richtschnur, eher die Hälfte. „Wichtig ist auch, dass man mal zwei Tage abstinent vom Alkohol lebt“, so die Psychologin.

Was im Alter neben dem Alkohol auch eine große Rolle spielt, sind Medikamente. Die meisten Medikamente würden älteren Menschen verschrieben. Wer unter Bluthochdruck, Diabetes oder ersten Anzeichen von Demenz leide, nehme eben eher Medikamente als Jüngere. Und da komme es dann oft vor, dass die Wechselwirkungen mit Alkohol nicht richtig eingeschätzt würden, weiß Heißwolf.

All diese Problemfelder gelte es zu beachten bei Menschen über 60. Aber wie begegnen die Suchtberatungen dem Themengebiet? Die Suchtberatungen sind vor allem auf jüngeres Klientel ausgerichtet. Jugendliche und junge Erwachsene erreicht man eben auf anderen Wegen als Rentner. Besteht bereits ein Netzwerk mit Schulen, Gerichten und Polizei, fehle dies noch bei Altenheimen oder Pflegediensten. „Gerade wenn Menschen aus dem Beruf ausscheiden und sozial isoliert sind, ist es schwierig, an sie heranzukommen“, sagt die Suchtberaterin. Zudem sei bei älteren Menschen die Scham größer als bei Jungen, sich Hilfe zu suchen.

Fehlende Hobbys als Grund

Gerade zu Ende eines Lebensabschnitts lägen häufig auch die Gründe für die Sucht im Alter. „Bei Männern ist es häufig ein Problem, wenn sie sozusagen unehrenhaft aus dem Berufsleben ausscheiden“, erklärt Heißwolf. Wer wegrationalisiert oder von einem jüngeren Chef aufs Abstellgleis geschoben werde, starte vorbelastet in den Ruhestand. Wer dann auch keine Hobbys oder andere Freizeitgestaltung habe, für den sei es häufig schwierig zurechtzukommen.

Tipps für den Umgang mit trinkenden älteren Angehörigen kann Heißwolf auch liefern. „Wichtig ist es, das Thema offen anzusprechen und es nicht zu ignorieren“, sagt die Expertin. Helfen könne auch Druck aufzubauen, etwa den Umgang mit Enkeln einzuschränken. „Man kann sich gerne als Angehöriger weitere Tipps bei uns holen“, sagt die Psychologin. Beim ersten Treffen in der Suchtberatung sollten dann auch der Partner oder Angehörige dabei sein. Die Beratungsstelle bietet Einzeltreffen, Kontakte zu Gruppen oder auch Therapiemaßnahmen an. Wichtig sei aber der erste Kontakt.

Alkohol und Cannabis sind die Spitzenreiter

Die Diakonie Ludwigsburg betreibt zwei Psychosoziale Beratungs- und Ambulante Behandlungsstellen für Suchtgefährdete und Suchtkranke. Neben der in Bietigheim eine in Kornwestheim. Von den 1174 Klienten im Jahr kommt der größte Anteil (32,2 Prozent) wegen einer Alkoholproblematik in die Suchtberatung. Erst mit deutlichem Abstand folgen Cannabiskonsumenten (12,3 Prozent). Laut Jahresbericht der Einrichtung seien 2017 die Anfragen wegen Medikamentenmissbrauchs bei Schwankungen auf niedrigem Niveau geblieben. Dagegen sind die Anfragen von pathologischen Spielern angestiegen. fr

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