Fußball-WM Stoßgebete auf dem Heiligenberg

Beim Public Viewing der Fußball-WM in Häfnerhaslach fieberten Teilnehmer und Zuschauer des Flutlichtcups mit.
Beim Public Viewing der Fußball-WM in Häfnerhaslach fieberten Teilnehmer und Zuschauer des Flutlichtcups mit. © Foto: Jan Simecek
– / Walter Christ 25.06.2018

Mannomann Welch ein WM-Spektakel! Global gesehen, aber auch mitten in der Idylle des Hausbergs des 650-Seelen-Kirbachtalortes Häfnerhaslach. Hier, an der nordwestlichen Peripherie des Landkreises, erlebten am Samstagabend rund 250 Fans das Wechselbad der Gefühle im TSV-Anbau im Rahmen des traditionellen Flutlichtcups, der wegen des Länderspiels Deutschland – Schweden unterbrochen worden war.

Sandra Watolla, die junge Häfnerhaslacherin, blickt im Fußball offensichtlich durch. Weder Rückstand noch mäßige Leistungen der deutschen Balltreter verderben ihr zur Halbzeit ihre gute Laune. „Wir gewinnen noch 2:1“, versichert sie siegesgewiss. Und der 2. Vorsitzende des Veranstalters, Reiner Schneider, wusste dies gar vor dem Spiel zu erahnen: „Nach zähem Kampf werden wir die Schweden 2:1 schlagen.“ Alter Schwede, woher sie diese Zuversicht nehmen – ein Rätsel.

Auf 375 Metern Höhe füllt es sich eineinhalb Stunden vor dem Finalspiel. Die Phon-Stärke aus dem Fernseh-Lautsprecher dürfte inzwischen ausgereicht haben, das gesamte Stromberggebiet zu beschallen. Das Haus ist proppenvoll. Bei der Nationalhymne stehen dann sogar eine Handvoll Patrioten auf. Die Stimmung ist klasse – bis zur 32. Minute. Blankes Entsetzen jedenfalls nach Toivonens „Kiste“ zum 1:0 für die Nordlichter. Lange Gesichter rundum.

Unentschieden wurde erwartet

Auch bei Adolfine Kübler, Ur-Häfnerhaslacherin und im Flecken nicht nur wegen ihrer Fasnets-Hexen-Umtriebe geachtet, sondern auch wegen ihres Fußball-Sachverstandes. Hatte sie immerhin noch geargwöhnt, dass es nur zu einem Unentschieden reichen dürfte, so waren andere zuversichtlicher gewesen. Jürgen Haagen, ehemaliger Ortsvorsteher: „3:0-Sieg, weil ich an die deutsche Mannschaft glaube.“ Seine Gattin Andrea Haagen: „Ich hoffe und denke, dass es einen 2:1-Erfolg gibt.“ Der langjährige TSV-Erfolgscoach Erich Wirth: „2:0, weil sich die deutsche Mannschaft immer steigert und es ja nur besser werden kann.“ Und James Knox, der aus Chicago stammende Häfnerhaslacher Basketball-Coach, schätzt ein 1:1 als Spielausgang.

Die gute Stimmung weicht indes zunehmend Nörgeleien. Insbesondere Müller, der erneut ein Totalausfall sei und niemals einem Sané hätte vorgezogen werden dürfen, bekommt wieder viel Fett ab. Von Hochnäsigkeit und zehn Akteuren, die ja genau wüssten, dass sie gesetzt seien, egal wie sie spielten, ist die Rede. Manche, wie auch der Sachsenheimer Maik Kheim, können es nicht verstehen, dass auch noch ein 08/15-Kicker wie Rudy einlaufen dürfe. Und der polnische Referee musste sich nach Boatengs Gelb-Rot von einer Dame sagen lassen, „dass es dann im Spiel Argentinien – Kroatien mindestens zwölf Hinausstellungen hätte geben müssen“.

Die Spannung steigt

Nach dem 1:1 steigt die Spannung exorbitant. Haare werden gerauft, Fingernägel genagt und Stoßgebete verrichtet. Alles leidet. Als Kroos, vermeintlich kurz vor Mitternacht, trifft, ist auf dem Heiligenberg die Hölle los.

500 Arme schießen in den Himmel. „Toooor!“ tobt die erlöste Masse. Die einen klettern aufs Dachgestänge. Andere zwangsbeglücken ihre Vorderleute mit einer Bierdusche. Gekreische, Gejohle, Geklatsche. Es ist einfach unfassbar, was sich hier entlädt. Der Fernsehsprecher meint, dass die deutsche Elf soeben Heroisches geleistet habe. Das Häfnerhaslacher Publikum, ist den Impressionen noch anzumerken, allerdings auch.

Volksbank-Team gewinnt den Flutlicht-Cup

Seit einem Vierteljahrhundert gibt es beim TSV Häfnerhaslach einen Freizeitfußballer-Wettbewerb, der Teams bis zu mitternächtlicher Stunde in Bewegung hält. So war es auch am Samstag auf dem Heiligenberg. Insgesamt zwölf Mannschaften kickten unter der Turnier-Regie von Erich Wirth. Erster wurde die Volksbank Ludwigsburg nach einem 1:0-Finalsieg über RC Endgegner, der Spieler aus Sachsenheim und Bietigheim-Bissingen im Aufgebot hatte. Im „kleinen Finale“ verwies Gogona (Oberderdingen und ehemalige TSV-Häfnerhaslach-Akteure) den FC Gut Kick (Markgröningen) durch einen 5:3-Erfolg  nach Neun-Meter-Schießen auf Platz vier. Der TSV Häfnerhaslach hat 370 Mitglieder. „Das sind“, wie Reiner Schneider, Turnier-Organisator und zusammen mit Sandra Gille 2. Vorsitzender des A-Ligisten, sagt, „mehr als 50 Prozent aller Einwohner.“ wch

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