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Kreistagswahl
Kreis Ludwigsburg / Gabriele Szczegulski  Uhr

Überrascht sei er gewesen, nicht damit gerechnet habe er, sagt Frank Rebholz, seit 1. Juni Ludwigsburgs Polizeipräsident a. D, dass er der Stimmenkönig der Kreistagswahl ist. Mit etwas mehr als 15 000 Stimmen hatte er 3000 Stimmen Vorsprung vor dem nächsten Kandidaten. Damit zieht Frank Rebholz für die Grünen in das Kreisparlament ein. Ohne Parteibuch, wohlgemerkt, ob er in die Partei eintritt, lässt sich Rebholz noch offen, „ist aber wahrscheinlich“. Die Freude über sein Direktmandat in den Kreistag ist auch dem 19-jährigen Fabian Obenland aus Ingersheim von den Grünen anzumerken. Obwohl er nur auf Listenplatz 3 in seinem Wahlbezirk Freiberg stand, hat er gestandene Grüne, die vor ihm auf der Liste platziert waren, des Platzes verwiesen, wurde mit über 2500 Stimmen direkt in das Kreisparlament gewählt, wo er in der neuen Legislaturperiode der jüngste Abgeordnete ist. Eine Partei, zwei neue Abgeordnete, und doch liegen Welten zwischen den Politikneulingen.

Für die CDU war Frank Rebholz von 2004 bis 2009 im Ludwigsburger Gemeinderat, auch ohne Parteimitgliedschaft, „aus beruflichen Gründen wollte ich mich nicht vor einen Parteikarren spannen lassen“. Jetzt, im Ruhestand, sei das etwas anderes. Und bei den Grünen fühle er sich momentan sehr wohl, weil „ich meinen Wertekonservatismus mit meinem Klimabewusstsein verbinden kann“.

Gespannt sei er auf die Rollenverteilung in der Fraktion der Grünen, die nun mit 21 Sitzen (5 zusätzliche Mandate) drittstärkste Kraft im Kreistag ist, nach den Freien Wähler und der CDU. Noch habe sich die Fraktionnicht getroffen, er sei aber schon darauf angesprochen worden, ob er als Stimmenkönig Fraktionsvorsitzender werden wolle. „Daran war vor der Wahl nicht zu denken und ich bin auch nicht darauf aus, vielleicht sollte das einfach jemand machen, der schon länger im Kreistag sitzt oder beispielsweise der Landtagsabgeordnete Jürgen Walter, der auch in den Kreistag gewählt wurde“, so Rebholz. Dass die Grünen bei den Wahlen am 26. Mai so erfolgreich waren, ist für ihn keine wirkliche Überraschung: „Die Grünen sind in der Mitte der Gesellschaft angekommen, authentisch, die Wähler, vor allem die jungen, nehmen der Partei ab, dass sie etwas ändern kann, vor allem an der Klima- und Umweltpolitik, die die etablierten Parteien verschlafen haben.“

Einer dieser Jungen ist Fabian Obenland. Mit 18 ist er in die Partei eingetreten, wollte eigentlich in seiner Heimatgemeinde Ingersheim Gemeinderat werden, aber die Grünen brachten dort keine Liste zustande, also ließ er sich für den Kreistag aufstellen. Obenland sieht sich selbst als „Greenhorn“, das viel lernen muss, in der Fraktion. „Ich sehe mich auch als Vertreter der jungen Generation, da die mich größtenteils gewählt haben, habe ich einen Auftrag und werde meine Fraktionskollegen immer wieder auf die Themen, die der Jugend wichtig sind stoßen.“ Spannend sei für ihn zu beobachten, wie die älteren Kollegen mit ihm umgehen. „Ich hoffe auf Augenhöhe, aber es ist natürlich schon seltsam, dass mein Bürgermeister (Volker Godel, FDP, Anm. d. Red.), der eine Respektsperson für mich ist, mit mir gleichgestellt im Plenum sitzt“.

Und genau das kritisiert Frank Rebholz: Im neuen Kreistag sitzen 40 Bürgermeister, über ein Drittel der Abgeordneten. „Das stört mich, ein Kreisparlament sollte repräsentativ aufgebaut sein und nicht von Kirchturmpolitik bestimmt sein“, sagt der neue Abgeordnete. Für Rebholz sei nun zuvörderst spannend, wie die Grünen ihre Ziele verwirklichen können: „Da geht es um Bündnisse, wir brauchen Mehrheiten, da müssen wir Kompromisse eingehen, aber die anderen kommen an unserer Stärke und an unseren Zielen nicht vorbei“, sagt er.

Vor allen beim Thema Verkehr und Mobilität müssen man um die beste Lösung ringen. Das Thema Kreisbahn, wie er es nennt, müsse vorangetrieben werden. „Ja, es braucht Zeit, die Planung in Gang zu bringen, Zeit, die unser Klima nicht mehr hat, die Mobilitätswende muss in den nächsten fünf Jahren eingesetzt haben“, sagt der ehemalige Polizeipräsident. „Bisher wurden nur kleine Dribbelschritte gemacht, wir müssen aber schneller werden“, sagt er und findet, dass wie es die Stadt Konstanz vorgemacht hat, der „Klimanotstand ausgerufen wird“ und jede Entscheidung des Rats auf Klimaverträglichkeit abgeklopft wird.

Die Zeit ist auch das Problem, das Fabian Obenland sieht, dem es vor allem um den Klimaschutz geht, und hierin will er keine Kompromisse machen. „Wir haben keine Zeit mehr, man muss Themen wie den Ausbau des ÖPNV auch in den kleinen Gemeinden, eine Radschnelltrasse oder Flächenversiegelungen rückgängig zu machen, jetzt angehen, uns bleiben nicht mal mehr fünf Jahre“, sagt der Student der Elektrotechnik, der sich auch bei „Fridays for Future“ engagiert. „Uns Jungen wird vorgeworfen, ihr habt doch keine Ahnung, überlasst das doch den Fachleuten. Ich behaupte, wir, die wir diesen Themen ausführlichst in Unterricht und Studium durchnehmen, haben mehr Ahnung als manche andere Abgeordnete“. Hier sieht Obenland auch eine seiner Aufgaben: den Finger immer wieder auf die Wunde zu legen.

Ganz so kompromissbereit wie Frank Rebholz ist er aber nicht: „Auch im Landkreis kann man schnell etwas machen. Wenn man nach 23 Uhr nicht mehr mit dem ÖPNV nach Ingersheim beispielsweise kommt, ist das nicht gut, denn dann ist die einzige Alternative ein Auto“, sagt der passionierte Radfahrer, der eine Radschnelltrasse Bietigheim-Bissingen – Ludwigsburg – Stuttgart durchaus für machbar hält.

Voneinander lernen

Beide Grünen-Abgeordneten fordern, dass still gelegte Bahnschienen, wie die der Bottwartalbahn wieder reaktiviert werden. Und so liegen die Ansichten der beiden gar nicht so weit auseinander. „Ich denke, man kann immer voneinander lernen“, sagt Fabian Obenland.

Überschrift Infokasten einzeilig

Anlauf steht hier Text für einen dreispaltigen Infokasten. bz