Marbach / ANDREAS LUKESCH  Uhr
Das Deutsche Literaturarchiv wirkt weltweit - unter anderem in Brasilien, wo sich der Stefan-Zweig-Forscher Oliver Matuschek mit Marbacher Unterstützung auf eine ganz spezielle Spurensuche begab.

Stefan Zweig war in den 1920er Jahren der am meisten übersetzte deutschsprachige Schriftsteller. Seine Novellen (Schachnovelle, Sternstunden der Menschheit) und Biografien erlangten Weltruhm und machten Zweig zu einer international geschätzten, in vielen Länder gar verehrten Lichtgestalt des Vorkriges-Literaturbetriebs. Zweig war aber auch ein Sammler, er hortete Handschriften, Manuskripte sowie wertvolle Gesamtausgaben. Vieles davon blieb zurück oder wurde verkauft, als Zweig vor den Nationalsozialisten zunächst (sehr früh schon) aus Salzburg nach London floh und von dort über New York schließlich im von ihm so bewunderten Brasilien ankam. Dort nahm er sich 1942 mit seiner zweiten Frau Lotte das Leben. In Petropolis blieb eine etwa 70 Bände umfassende Handbibliothek zurück, auf deren Spuren sich der Zweig-Forscher Oliver Matuschek mit Unterstützung des Deutschen Literaturarchivs in Marbach machte. Das Pilotvorhaben ist Teil des Projekts "Global Archives Brasilien", das sich der Erforschung, Erschließung und Digitalisierung von mehrsprachigen Beständen mit hohem deutschsprachigen Anteil in brasilianischen Archiven, Bibliotheken und Sammlungen widmet.

In dieser Woche präsentierte Matuschek die Ergebnisse seiner Exkursion bei einem Abend unter dem Titel "Zweigs letzte Bibliothek" im Literaturarchiv. Dort schloss sich auch der Kreis zu dessen einzigem abgeschlossenen und 1939 veröffentlichten Roman "Ungeduld des Herzens", dessen verschiedene Entstehungsstufen von Ulrich von Bülow vorgestellt wurden.

Den beiden Zweig-Forschern ging es dabei nicht um eine Katalogisierung von Zweigs Sekundärliteratur und Quellenmaterial, vielmehr gewährten sie eindrucksvolle und so noch nie gesehene Einblicke in die Arbeitsweise eines vom Erfolg verwöhnten und doch verunsicherten, depressiven Schriftstellers. "Ungeduld des Herzens" - Zweig schrieb den monumentalen Romans, wie viele seiner Vorbilder, mehrmals. Die Vorentwürfe, Notizbücher, erste Fassungen und sogar die Druckfahnen sind mit handschriftlichen Anmerkungen und Ausbesserungen übersäht. Ganze Textpassagen wurden von Zweig noch vor Drucklegung verändert, neue Ideen in die Handlung verwoben. So arbeitete Stefan Zweig und so sehen auch seine Manuskripte aus - zu bewundern im Fall von "Ungeduld des Herzens" im Literaturarchiv. Aber auch seine zu Forschungszwecken genutzten eigenen Bestände hat Zweig mit Anmerkungen ausgeschmückt, etwa eine in Petropolis zurückgelassenes Gesamtausgabe von Montaigne.

Die Bibliotheken des Stefan Zweig sind eine Schatz für all jene, die die Arbeitsweise eines der wichtigsten Literaten des vergangenen Jahrhundert erforschen wollen. Und Zweigs Buchbestand, da war sich Matuschek sicher, "wird das Literaturarchiv noch lange beschäftigen".