In den Jahren 1983/84 wurde das Areal zwischen Stadtkirche und Kelter in Bietigheim akribisch von Archäologen erforscht. Nicht vergeblich. Sie stießen unter anderem auf Mauerreste, Glasscherben und Münzen, die den Beweis erbrachten, dass hier im Mittelalter eine Burg stand. Wie in anderen Orten des heutigen Landkreises Ludwigsburg auch, saß hier eine adlige Familie, die Herren von Bietigheim, die die Geschicke der Stadt lenkte. Während der Bietigheimer Ortsadel und seine Burg längst Geschichte sind, haben sich an anderen Orten die Bauwerke der adligen Herren erhalten. Sie zeigen ihren überragenden Einfluss im Mittelalter.

Wie Paul Sauer in seinem Beitrag zur Geschichte des Landkreises Ludwigsburg feststellt, werden die ersten Adelsfamilien auf dem Gebiet des heutigen Kreises in klösterlichen Urkunden des 8., 9. und 10. Jahrhunderts aktenkundig. Das Problem dabei: Weil es sich in der Regel um Einzelnamen handelte, sind die genealogischen Zusammenhänge schwer zu erkennen. Immerhin: Das spätere Durcheinander von Freiherren, Baronen, Rittern oder Junkern gab es damals noch nicht.

Die wichtigste Gruppe waren zunächst die Grafen, die in karolingischer Zeit noch eine Art Beamte waren. Das heißt, sie waren für die Verwaltung, für die Rechtsprechung und die Aushebung des militärischen Aufgebots in ihrem Gebiet zuständig.

Hoher und niederer Adel

Der hiesige Raum war zu dieser Zeit in Gaue aufgeteilt. Gewissermaßen die „Platzhirsche“ waren im 11. und 12. Jahrhundert im Murr-, Enz-, Glems-, und Zabergau die Grafen von Calw. Die Indizien sprechen dafür, dass sie zunächst in Ingersheim saßen, damals Hauptort des Murrgaus. Einer der Sippe, Graf Gottfried I., der auch Pfalzgraf bei Rhein war, gehörte zu den einflussreichsten Ratgebern Kaiser Heinrichs V. Dass die Grafen von Calw heute weitgehend vergessen sind, liegt daran, dass sie in der Hauptlinie im 13. Jahrhundert ausstarben. Länger existierten ihre Seitenlinien, die Grafen von Löwenstein und Vaihingen. Deren Einfluss erstreckte sich über Großsachsenheim, Ottmarsheim, Steinheim und weitere Orte des heutigen Landkreises.

Weil die hochadeligen Grafen nicht überall sein konnten, setzten sie Stellvertreter ein, um ihren Besitz zu sichern. Auch für Bietigheim nimmt Günter Bentele („Bietigheim 789 bis 1989“) an, dass der dortige Ortsadel Lehnsleute der Grafen von Vaihingen-Calw waren. Laut Paul Sauer entwickelte sich dieser niedere Adel einerseits aus altadeligen Familien, die ihre Selbstständigkeit verloren hatten, andererseits aus Unfreien, die im Dienst des Königs und des Hochadels aufgestiegen waren, die sogenannten Ministerialen. Vor allem die Kriegerkaste der Ritter grenzte sich so gegenüber der übrigen Bevölkerung ab.

Im hiesigen Raum waren aus dem niederen Adel unter anderem die Herren von Sturmfeder begütert, die Herren von Nothafft und von Nippenburg. Mancherorts, wie in Bönnigheim, teilte der Adel als Ganerben Orte unter sich auf, in diesem Fall unter die Herren von Sachsenheim, von Liebenstein, von Gemmingen und von Neipperg.

Was den Hochadel betrifft, so stritten sich nach dem Verschwinden der Calwer andere Grafen um deren Erbe. So fassten die Grafen von Tübingen in Asperg Fuß, die Markgrafen von Baden, die mit den Calwern verwandt waren, waren in Besigheim, wo sie auch die Stadt gründeten, in Hessigheim, Ingersheim, Löchgau und Freudental präsent.

Am Ende sollten sich freilich die Grafen von Württemberg als die Erfolgreichsten durchsetzen. Indem diese ihr Land nach und nach zum Territorialfürstentum ausbauten, schwand die Macht des niederen Adels. Dieser kam zudem durch die zunehmend selbständigeren und wirtschaftlich aufblühenden Städte unter Druck.

Durch Heirat zur Gräfin

Andererseits gab es auch Bürgerliche, die geadelt wurden und somit neu in den Adelsstand aufstiegen. Auch Antonia Visconti, Tochter der mächtigen Mailänder Familie, wurde durch ihre Heirat mit Graf Eberhard dem Milden 1380 zur Gräfin von Württemberg. Sie war es, die für die weitere Entwicklung der Stadt Bietigheim entscheidende Anstöße gab.

Mit der Wende vom Mittelalter zur Neuzeit hatten sich die Württemberger hierzulande als Landesherren weitgehend etabliert. „Ende des 15. Jahrhunderts befand sich ein Großteil des heutigen Ludwigsburger Landkreises im unbestrittenen Besitz der 1495 mit der Herzogswürde ausgezeichneten Württemberger“, so Paul Sauer.

Mit dem Bau des Ludwigsburger Schlosses und der Gründung der Stadt Ludwigsburg im 18. Jahrhundert machten sie dies noch einmal überdeutlich.