In den Gemeinschaftsunterkünften des Landkreises Ludwigsburg leben derzeit laut Landratsamt rund 1650 Geflüchtete, in der kommunalen Anschlussunterbringung sind rund 4300 Personen einquartiert. Viele dieser Menschen mussten Unvorstellbares durchmachen – Krieg, Folter, Verfolgung, sexuelle Gewalt. Viele sind depressiv, traumatisiert, manche reagieren aggressiv. Ihnen soll in der Trauma-Sprechstunde weitergeholfen werden.

„Der Sozialdienst Asyl ist im Frühjahr an mich herangetreten“, berichtet Dr. Jürgen Knieling im Gespräch mit der BZ. Knieling ist ärztlicher Direktor der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie im Krankenhaus Bietigheim. Die Mitarbeiter des Sozialdienstes Asyl mit Geschäftsteilleiterin Julia Fehr seien bei ihrer Arbeit auf mutmaßlich traumatisierte Flüchtlinge gestoßen. Die ambulanten Möglichkeiten, die Knieling in seinen Räumlichkeiten in Bietigheim habe, seien für diese Fälle zu begrenzt, der Zugang zu kompliziert. „Wir wollten ein unterschwelliges Angebot ermöglichen“, sagt er. Die Idee einer Trauma-Sprechstunde für Flüchtlinge unter dem Dach des Landratsamts war geboren.

Diese erste Sprechstunde sollte nicht kassenfinanziert sein, sodass der bürokratische Aufwand überschaubar und das Handeln beschleunigt werde. Der Vorschlag wurde im Mai dem Sozialausschuss des Kreistags vorgestellt und einstimmig angenommen. Seit August gibt es nun einmal im Monat dienstagnachmittags für drei Stunden eine einmalige Beratung mit Anamnese und einer schriftlichen Therapie-Empfehlung hinsichtlich weiterführender Schritte. „Das Modell wird jetzt ein Jahr lang so laufen, dann berichten wir erneut dem Sozialausschuss“, sagt Knieling. Daraufhin werde entschieden, ob die Sprechstunde weiter im bisherigen Rahmen, öfter oder nicht mehr angeboten wird. Die Kosten trägt der Kreis (siehe Infobox).

Knieling sieht sich als Weichensteller. „Was hat der Patient und was braucht er an Behandlung? Was kann ich in meiner Ambulanz leisten, mit welchen Niedergelassenen können wir zusammenarbeiten, was können wir in die Wege leiten? Gibt es Therapiemöglichkeiten in der jeweiligen Muttersprache?“, das seien Fragen, die der Spezialist in dieser ersten Sprechstunde kläre. Vor allem die Sprachbarriere sei oft ein Hindernis. Ein Dolmetscher oder jemand aus der Familie, der bereits besser Deutsch kann, könne helfen, „eine Traumatherapie geht aber nicht mit einem Dolmetscher“, sagt Knieling entschieden. Dafür müsse die Sprache beherrscht oder ein muttersprachlicher Therapeut gefunden werden. Die Anzahl an Therapeuten mit einer Trauma-Weiterbildung sei allerdings äußerst begrenzt. In der Bietigheimer Klinik gebe es drei Mitarbeiter, die eine solche Spezialisierung besäßen, so Knieling. Vereinzelt seien in Bietigheim auch schon Flüchtlinge, die bereits besser Deutsch sprechen konnten, stationär behandelt worden.

Er nehme in der Sprechstunde eine erste Einschätzung vor, ob es sich um ein Trauma handele, ob eine psychosomatische oder eine psychiatrische Behandlung hilfreich sei und ob überhaupt eine Behandlung notwendig ist. Pro dreistündiger Sprechstunde könne er sich drei bis vier Klienten anschauen. Die Flüchtlinge werden von den behandelnden Sozialarbeitern ausgewählt und angemeldet, auch Vorabinfos bekomme Knieling von ihnen. „Bislang waren alle Termine voll.“

Menschen ernst nehmen

Wohlwissend, dass er nicht die finale Entscheidung trifft, möchte Knieling die Menschen ernst nehmen, ihnen das Gefühl geben, dass jemand hinhört, sie gesehen werden und es nicht immer nur um Behörden und Anträge geht. Manchmal könnte da auch das ebenfalls im Landratsamt neu eingerichtete Begegnungscafé helfen. „Man kann über schwierige Themen reden oder über die Bundesligaergebnisse“, meint Knieling. Die Hauptsache sei, sich angenommen zu fühlen.

Die letzte Instanz sei aber die Politik, das musste auch Knieling im Rahmen der Sprechstunde bereits erfahren. Ein 33-jähriger Kurde wurde in der Türkei gefangen genommen und gefoltert. Er flüchtete in die Schweiz, diese wollte ihn wieder in die Türkei überführen, woraufhin er nach Deutschland floh. Knieling diagnostizierte ihn als Trauma-Patienten. Nach den Richtlinien des Dubliner Übereinkommens ist der Mann in die Schweiz zurückgeschickt worden. „Das war nicht richtig. Die Schweiz wird ihn in die Türkei überführen“, sagt der Therapeut. Dort werde er erneut in Gefangenschaft landen. „Ich bin nicht befugt, die Entscheidung zu treffen“, sagt er ernst. Für den Job sei eine Mischung aus Empathie, aber auch Abgrenzung für das, was man nicht lösen kann, unabdingbar.

Finanzierung des Projekts


Enthalten in der Trauma-­Sprechstunde sind die Honorarkosten für die ärztliche Beratung, aber auch Kosten für einen Dolmetscher, falls benötigt, sowie die Fahrtkosten. Das sind etwa 580 Euro im Monat.

Für das 14-tägige Gruppen- und Begegnungsangebot werden zirka 330 Euro monatlich kalkuliert. Enthalten sind Fahrtkosten für die Teilnehmer und ehrenamtlichen Helfe sowie Sach- und Dolmetscherkosten.

Die jährlichen Gesamtkosten von 11 000 Euro zahlt der Kreis aus eigenen Haushaltsmitteln, die „durch Einsparungen des Fachbereichsbudgets abgedeckt werden“, heißt es in der Vorlage des Sozialausschusses. hevo

Fallbeispiel: 27-jähriger Syrer, Student


Gleich der erste Fall in der ersten Trauma-Sprechstunde sei sehr prägnant gewesen, berichtet Knieling. Ein 27-jähriger syrischer Student sei 2014 beschuldigt worden, zu den Oppositionellen zu gehören, wofür er mit vier Jahren Gefängnis bestraft wurde. In der Gefangenschaft habe er schwere Folter über sich ergehen lassen. „Er kam mit nur 28 Kilo Körpergewicht aus dem Gefängnis“, beschreibt Knieling. Über die Türkei habe er es erst vor Kurzem nach Deutschland geschafft.

„Das wird keine schnelle Behandlung“, so der Arzt. Eine spezielle Traumatechnik müsse zum Einsatz kommen, damit der Patient distanzierter werde. „Dass das Buch nicht mehr aufgeschlagen auf dem Tisch liegt, sondern ins Regal gestellt und gezielt herausgenommen werden kann“, beschreibt Knieling das Therapieziel bildlich. Da die Sprachkenntnisse nicht ausreichen, könne noch nicht mit der Traumabehandlung begonnen werden. Vorerst sei die Behandlung auf medikamentöser Ebene, mit Antidepressiva, „um die Dynamik der Backflashs abzuschwächen“, erklärt der Trauma-Experte. Diese Erinnerungsfetzen, manchmal auch ganze Filme, seien sogenannte intrusive Gedanken, die den Mann durch Triggerreize, vielleicht einem Geruch, an die Zeit im Gefängnis und die Folter erinnern. Und das löse Panik aus. Immer wieder und unkontrolliert. „Das sind Dinge, die die Bewältigungsmodelle überfordern und die dadurch im Stresszentrum hängen bleiben und nicht verarbeitet werden können“, erklärt Knieling vereinfacht.

Die Distanz gelinge nicht, wodurch nicht klar sei, dass das Geschehene in der Vergangenheit liegt. Ein Gefühl der Bedrohung, Panik oder Albträume seien mögliche Reaktionen darauf, Symptome einer Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS), verbunden mit Vermeidungsstrategien. Auch aggressives oder gewalttätiges Verhalten seien mögliche Folgen des Traumas. hevo