Oberriexingen / Von David Mairle  Uhr

Als die Reisegruppe der evangelischen Kirchengemeinde aus Oberriexingen in die Provinz Bergkarabach Armeniens ankam, eilte ihr bereits die Nachricht von ihrer Ankunft voraus: 29 Touristen aus Deutschland besuchen die Region. „Die haben sich schon bevor wir angekommen sind erzählt: Die Oberriexinger kommen“, erzählt Pfarrer Ulrich Gratz. „Das ist die größte deutsche Reisegruppe, die jemals in die Region gekommen ist – da waren wir natürlich selber auch eine kleine Attraktion.“ Gratz ist Pfarrer der Evangelischen Kirchengemeinde Oberriexingen und hat die zwölftägige Gemeindereise nach Armenien und Bergkarabach im  ergangenen Juni organisiert. Das Land zwischen der Türkei, dem Iran, Georgien und Aserbaidschan ist nur in etwa so groß wie Brandenburg, außerhalb der Hauptstadt Jerewan ist es nur dünn besiedelt. Armenien ist ländlich geprägt. „Es kann schon vorkommen, dass vor dem Bus ein Hirte seine Herde über die Landstraße treibt“, erzählt Gratz. „Das kann schon eine Weile dauern, aber dann wartet man halt ein wenig.“ Oft sieht man auf den Feldern Hinterlassenschaften der Vergangenheit des Landes in der Sowjetunion: „Da stehen dann einfach drei riesige, landwirtschaftliche Fahrzeuge herum und rosten vor sich hin. Die haben die Sowjets damals dort gelassen“, erklärt Gratz. „Von den drei Traktoren ist vielleicht noch einer einsatzfähig und wird bis heute benutzt. Und die beiden anderen stehen daneben, als Ersatzteillager.“

Geschichte und Landschaft

Gratz begeistert an Armenien zweierlei: Die Geschichte des Landes und die schöne Landschaft. Ausflüge und Wanderungen in die Berge und zu Jahrhunderte alten Höhlenklöstern verlangten der Reisegruppe aus Oberriexingen einiges ab. „Die Landschaft hat einen sehr alpinen Charakter“, sagt Ulrich Gratz. „Auf einer Wanderung mussten wir extra Maultiere für zwei unserer älteren Mitreisenden besorgen, damit die mithalten können.“ Am Ende erwiesen sich die Menschen als geländegängiger als ihre Mulis: „Die haben auf halber Strecke aufgegeben und unsere Mitreisenden haben sich zu Fuß durchgekämpft. Aber sowohl Mensch als auch Tier haben alles gut überstanden“, beschwichtigt Gratz.

Auch kulturell hat das Land einiges zu bieten, insbesondere für eine Gemeindefahrt. Die Armenische Apostolische Kirche ist die älteste Staatskirche der Welt. Sie beruft sich darauf, von predigenden Aposteln gegründet worden zu sein. Die Kirchen und Klöster, welche die Reisegruppe besichtigte, stammen zum Teil aus dem dritten und vierten Jahrhundert. Dass sie die Jahrhunderte überdauern konnten, ist aus gleich mehreren Gründen erstaunlich. „Armenien ist ein Erdbebengebiet“, erklärt Ulrich Gratz. „Deswegen haben die Armenier früher ihre Gebäude mit einem Knick in den Wänden gebaut. Das hat die Statik der Kirchen so beeinflusst, dass sie die Erdbeben überstehen konnten.“ Auch gegen die potenzielle Zerstörung durch muslimische Eroberer wussten sich die armenischen Christen zu helfen: Sie verzierten ihre Klöster und Kirchen Mosaiken, ähnlich der Verzierungen an Moscheen. „Viele von den alten Gebäuden haben eine schöne, florale Verzierung. Wenn die Eroberer das von weitem gesehen haben, sind sie wahrscheinlich einfach weitergezogen.“

Trotz Reisewarnung bereist

Mit Bergkarabach bereisten die Oberriexinger außerdem eine Region, für die das auswärtige Amt eine Reisewarnung herausgegeben hat. Sowohl Armenien als auch Aserbaidschan erheben Anspruch auf die Provinz, die armenische Armee hat die Region seit Jahren besetzt. Sorgen bereitete der schwelende Konflikt der Reisegruppe keine. „Man hat an den Grenzposten und Schützengräben schon gesehen, dass wir auf militärischem Gelände sind“, erzählt Gratz. „Aber sonst haben wir wenig von dem Konflikt mitbekommen. Unsere Reiseleiterin ist nur in sichere Gegenden mit uns gefahren. Und sie hat uns erklärt: Wenn die Soldaten da morgens auf die andere Seite schießen ist das wie, wenn man beim Nachbar anklopft: Grüß Gott, seid ihr schon wach?“, scherzt er.

Es war Gratz‘ letzte Gemeindereise, kommendes Jahr geht er in den Ruhestand. Was die Zukunft Armeniens angeht, ist er zwiegespalten: „Natürlich gibt es viele, die befürchten, dass der Tourismus viel in einem Land kaputt machen kann“, sagt er, „aber viele Armenier sehen darin auch eine große Chance.“ Oft wurden die Oberriexinger in den Dörfern Armeniens von den Bewohnern aufgenommen, die den Tourismus mehr oder weniger professionell in ihr tägliches Geschäft einbinden. „Da wird man zum Beispiel im Garten von einer Familie bewirtet. Das ist dann wie, wenn man bei uns auf ein Grillfest geht“, erzählt Gratz. „In einem Dorf habe ich das über die Jahre verfolgt, wie sich ein Armenier Stück für Stück einen Absatzmarkt für sein Obst aufgebaut hat. Mittlerweile verkauft er schon selbstgemachten Obstbrand an die Touristen.“ Der Unternehmergeist solcher und anderer Dorfbewohner imponiert Ulrich Gratz: „Da denke ich mir, das ist ein richtiger armenischer Schwabe“, scherzt er.