Ich bin einer dieser bemitleidenswerten Menschen, die in der fünften Klasse Latein als erste Fremdsprache gewählt haben. Immer wenn ich das erzähle, leiden alle mit mir, allerdings war ich selbst daran schuld. Als Zehnjährige dachte ich, dass ich vielleicht Ärztin werden will und dafür hätte ich diese edle, aber tote Sprache brauchen können. Sage und schreibe sieben Jahre habe ich mich durch Konjugationen und Deklinationen gequält. Antike Mythologie aber fand ich schon immer spannend. Das ist nicht nützlich? Oh doch! Denn dadurch kann ich Wörter auf ihren Ursprung zurückführen. Wenn jemand vom „Füllhorn“ spricht, denke ich gleich an das Hörnlein der Ziege Amaltheia, die Zeus/Jupiter säugte. Auch bei der „Sisyphusarbeit“ schießt mir gleich das Bild des armen Königs Sisyphus in den Kopf, der die Götter verärgert hatte und einen Stein den Berg hinaufrollt. Arzt bin ich zwar nicht geworden, aber als „Reporter“ (vom Lateinischen reportare: zurückbringen) bringe ich das Wissen um Wortbedeutungen zurück.