In dieser WG lässt sich’s gut philosophieren: nämlich mit Herder und seinen Freunden. Am Billardtisch, auf mit Namen gekennzeichneten Stühlen, mit Papier und Bleistift, mit Literatur, Diskussionen, Philosophiererei und mit Freigeistern, die zu Besuch kommen. So stellt man sich das Studentenleben in einer Wohngemeinschaft vor.

Die Leiterin der Museen und gleichzeitig die Kuratorin, Heike Gfereis, nimmt in ihrer neuesten Ausstellung im Literaturmuseum der Moderne den Gedanken auf, dass Georg Wilhelm Friedrich Hegel aus Stuttgart, Johann Christian Friedrich Hölderlin aus Lauffen und Friedrich Wilhelm Joseph Schelling aus Leonberg sich im Tübinger Stift ein Zimmer teilten, was wohl auch den Tatsachen entspricht. Gfereis macht in der Ausstellung „Hegel und seine Freunde“ eine WG-Ausstellung, in der noch viele weitere Philosophen und Literaten sich tummeln und auch die Besucher Teil der bunten Wohngemeinschaft werden.

Es ist eine Experimentier-Ausstellung, in der man zwar auch vieles anschauen und entdecken kann, aber vor allem mitmachen und mitdenken soll, was, wie Hegel ja sagte, uns schließlich zum Menschen macht.

In 15 Versuchsanordnungen kann der Besucher sich auf die dialektischen Theorien von Hegel einlassen, aber vor allem, selbst denken. „Hegel ist nicht einfach, ich habe vor lauter Gedanken beim Zusammenstellen der Ausstellung Kopfschmerzen bekommen“, sagt Gfereis. Das sei der Grund, warum die Idee zustande kam, den Besuchern Aufgaben an die Hand zu geben, die aus der Theorie eine niederschwelligere Praxis machen.

Aus Anlass des 250. Geburtstags von Hegel und Hölderlin habe man sich auf die Suche nach Hegel im Literaturarchiv begeben und 239 Treffer gehabt. „Viele Linien, Querverweise, Fragmente, Ansatzpunkte ließen sich finden“, so Gfereis.

Zu Hegels, Hölderlins und Schellings WG-Genossen mit eigenem Stuhl oder Hocker habe man dann Freidrich Schiller, Johann Wolfgang Goethe, David Friedrich Strauß, Eduard Mörike, Heinrich Heine, Georg Simmel, Margarete Susman, Franz Kafka, Hermann Hesse, Theodor W. Adorno, Hannah Arendt, Max Bense, Roman Jakobson, Alfred Andersch, Robert Gernhardt, Eckhard Henscheid, Friedrich Kittler, Hans Ulrich Gumbrecht, Claus Zittel, Veronika Reichl und Ulrich Schlösser erkoren.

These, Antithese, Synthese – Ich denke, also bin ich, aber bin ich es wirklich, so könne man laut Gfereis unvollständig Hegels, Hölderlins und Schellings Programm des Idealismus, das sie als „Systemprogramm der Literatur“ formulierten, zusammenfassen. Im WG-Zimmer werden Fragen nach Glück, Wahrheit, Schönheit, Freiheit und Glaube diskutiert. Voraussetzung für das Denken und Dichten ist das freie Spiel der Fantasie in der Sprache, definieren sie. Und in dieser Ausstellung wird gedacht, gespielt und fantasiert wie selten.

Im Hegel-Billard stößt eine Idee einen Begriff an, der den Geist bewegt, der zur Dialektik führt und die Sprache freistößt. Das Billard zeigt gut Hegels Art des Denkens, die bewegt von einem Punkt zum nächsten kommt. Zudem sei, so Gfereis, die Ausstellung eine „schwäbische“: Es gibt viel zum Mitnehmen, eine ganze Tüte voller Hegel, wenn man so will.

Es sind viele Fragen, die Hegel sich stellte, und die nun an die Besucher weitergeleitet werden. „Es gibt kein Richtig oder Falsch, dies ist kein Rätsel, sondern ein Angebot, sich mit den Denken auseinander zu setzen, auf eine spielerische Art“, so die Museumsleiterin. Manchmal helfe es, Hegel-Texte laut vorzulesen oder beim Lesen seine eigenen Gedanken in den Vordergrund zu stellen. Im Idealismus-Labor kann jeder philosophieren, wie es Hegel gemacht hat, kritzelnd in Spalten, sich ständig selbst widerlegend. Auf Overhead-Projektoren kann man zeichnen, wie Denken aussieht.

Info Die Ausstellung „Hegel und seine Freunde“ wird am Sonntag, 6. Oktober, 11 Uhr, durch die Philosophin und Feministin Judith Butler eröffnet.

Samstagsschwerpunkt zum Thema Literatur


Voraussetzung für das Denken und Dichten ist das freie Spiel der Fantasie in der Sprache: Diese These von Hegel, Schelling und Hölderlin, im Systemprogramm der Literatur zusammengefasst, gilt auch für den Schwerpunkt am Samstag in der BZ, die Literatur in der Region. Die Artikel finden Sie ebenfalls auf unserer Internetseite.

Auf dem Hohenasperg saßen jahrhundertelang viele Freigeister, die sich die Sprache nicht von der Obrigkeit verbieten lassen wollten. Hermann Rombach, der Bietigheimer Schriftsteller, war Träger des Schwäbischen Dichterpreises. Claire Beyer, die Markgröninger Schriftstellerin, ist eine der bekanntesten aus der Region.

Auch das ist Literatur: Die Verfasser des Bönnigheimer Ganerbenspiels werden vorgestellt. Außerdem wird der Autorin des ersten Frauenromans, Sophie von La Roche gedacht. Besigheim war Schauplatz einer erotisch angehauchten Geschichte. Rolf Gerlach aus Pleidelsheim benutzt den schwäbischen Dialekt für den literarischen Ausdruck. Martin von Arndt aus Markgröningen war für den Crime Cologne nominiert, den wichtigsten Preis für deutsche Krimiautoren. Sein neues Buch beendet eine 35-jährige Krimispanne. sz