Der Freiberger Bürgermeister Dirk Schaible sagt von sich: „Ich bin vielfach ansprechbar.“ Ritualisierte Kontakte mit seinen Freiberger Bürgern sind allerdings nicht seine Art.

Er hofft stattdessen auf viele spontane Gespräche – mittwochs und samstags auf dem Wochenmarkt oder am Rand einer der vielen Veranstaltungen, die in seinem Terminkalender stehen. „Ach, wenn ich Sie gerade sehe…“, so werde er häufig von einem Bürger auf der Straße angesprochen.

Er fühle sich von solchen unerwarteten Ansprachen nicht belästigt, versichert der Rathauschef. Auch wenn es ihn manchmal Zeit koste, oftmals lasse sich quasi auf dem kleinen Dienstweg ein Bürgeranliegen ohne Aufwand erledigen. Das spare dann wieder Zeit am Schreibtisch.

Der neue Oberbürgermeister von Ludwigsburg, Matthias Knecht, hat eine „formlose Sprechstunde“ auf dem Rathaushof eingerichtet, um zwanglos im Gespräch die Ludwigsburger kennenzulernen. Schaible denkt nicht, dass er eine solche sichtbare Anlaufstelle für seine Freiberger benötige. Im Gegensatz zu Ludwigsburg mit weit auseinanderliegenden Stadtteilen, sei seine Stadt übersichtlich. „Es ist alles sehr kompakt.“

Im kleinen Ortszentrum treffe über die Woche jeder jeden. „Mein Gesicht ist inzwischen ausreichend bekannt.“ Als Vater von zwei Töchten habe er zahlreiche persönliche Kontakte zu anderen Eltern. Jeder könne jederzeit mit ihm eine Sprechstunde eröffnen.

Schaible bietet wie viele seiner Kollegen monatlich eine Bürgersprechstunde im Rathaus an. Aber es gibt dafür keinen fixen Termin. Im Internetauftritt der Stadt steht: „Die Termine werden in den Freiberger Nachrichten und auf unserer Homepage bekannt gegeben.“ Aktuell ist kein Datum eingetragen. Wer aber dringend Gesprächsbedarf hat: „Eine Terminvereinbarung außerhalb der Bürgersprechstunde ist selbstverständlich auch möglich.“

Jede Sitzung des Gemeinderats wird mit einer „Einwohnerfragestunde“ eröffnet. Eine Stunde wird nie daraus. Meistens sind es nur einige wenige Minuten, die ein Bürger nützt, um vor der Verwaltung und den Gemeinderäten – sozusagen gleich an höchster Stelle – sein Anliegen loszuwerden. „In jüngster Zeit ist es eher weniger geworden“, überlegt er. Trotz aller Offenheit sei der Umgang mit Bürgern schwieriger geworden. Er sei bislang nicht körperlich angegriffen worden wie bereits andere Bürgermeister. Aber die verbale Aggression habe zugenommen. „In den sozialen Netzwerken sind solche Angriffe nicht angenehm“, musste er erfahren. Er ist ratlos, weil sein bisheriges Rezept, Menschen zu einem persönlichen Gespräch einzuladen, nicht zu funktionieren scheint.

Wer anonym im Netz hetze, der wolle eben nicht sein Gesicht zeigen. „Ich weiß nicht, woher die Wut kommt.“ In Facebook gibt es eine Gruppe Freiberg am Neckar. „Wir beobachten dort regelmäßig die Diskussionen.“ Im Chat würde eine Menge, zum Teil böser Kommentare, zu einem Problem mit der Stadtverwaltung ausgetauscht.

„Niemand kommt auf die Idee, im Rathaus anzurufen, um das Anliegen direkt mit uns zu lösen.“ Bürgermeister Dirk Schaible hat keine Idee, was Bürger antreibt, die sich konstruktiven Lösungen verweigerten. „Ich verstehe einfach nicht, was dieses unreflektierte Herumgemotze soll?“ Oft stelle er fest, dass die Kommentatoren „ganz schlecht informiert sind.“ In solche Facebook-Diskussionen einsteigen möchte er allerdings nicht. „Die alten Drähte zu den Bürgern funktionieren noch so weit.“

Gleichwohl wisse er, dass er und seine Mitarbeiter sich Neues einfallen lassen müssten, um auch solche Bürger zu erreichen, die die klassischen Medien nicht mehr wahrnehmen. „Wir denken darüber nach.“