Schwerpunkt Literatur Schwere Zeiten für Buchhändler

Kreis Ludwigsburg / Heidi Vogelhuber, Uwe Mollenkopf 13.10.2018

Über Jahrhunderte haben sie Literatur an den Mann und die Frau gebracht: die familiengeführten Buchhandlungen. Stolze 214 Jahre hat die Traditionsbuchhandlung Aigner in Ludwigsburg auf dem Buckel. Doch die Zeiten für die Buchläden sind schwer geworden. In Stuttgart hat vor Kurzem das Familienunternehmen Wittwer den Zusammenschluss mit Deutschlands größter Buchhandelskette Thalia verkündet, im vergangenen Jahr gab in Bissingen die Buchhandlung Exlibris auf. Nun hat es auch Aigner in Ludwigsburg erwischt. Schlechte Nachrichten vor den baden-württembergischen Literaturtagen, die an diesem Samstag in Ludwigsburg beginnen.

Die Buchhandlung Aigner in der Arsenalstraße 8 war anfangs von Christoph Freidrich Nast geführt worden, später von Adolph Neubert und Heinrich Ungeheuer. 154 Jahre trug dieses Buchfachgeschäft dann den Namen Aigner. Doch das gehört Ende Januar der Vergangenheit an. Dann wird die Buchhandlung schließen. „Aus wirtschaftlichen Gründen“, sagt der 87-jährige Geschäftsführer Hermann Aigner im Gespräch mit der BZ.

Keine Thalia-Übernahme

Er bedauere es sehr, aber nun gehe es ihm wie dem Stuttgarter Buchhaus Wittwer, er müsse kapitulieren. Die Thalia-Gruppe, die 2016 größtenteils vom Herder-Verlag übernommen wurde, sei auf dem Vormarsch. „Ich hätte nicht ungern gehabt, dass Thalia unseren Laden übernimmt, von mir aus auch unter ihrem Namen“, sagt Aigner. Die Ludwigsburger Filiale des Buch-Riesen habe aber ihren Vertrag in der Kirchstraße verlängert und bleibe dort. Die Buchhandlung Aigner hatte versucht, mit der Zeit zu gehen, um sich gegen die online agierenden Versandgiganten zu behaupten. Ein moderner Internetauftritt mit der Möglichkeit, online zu bestellen und sich die Ware liefern zu lassen sowie der Wahl zwischen traditionellem Buch und E-Book konnte den Buchladen aber auch nicht vor dem Bankrott schützen.„Ein Bote fährt seit 15 Jahren täglich Ware aus. Vielware an Schulen oder die PH, aber auch an Privatkunden im näheren Umkreis“, sagt Christine Macco, Hermann Aigners Nichte, die auch im Buchladen arbeitet. Auch habe die Buchhandlung deutschlandweit kostenlos versandt, das müsse ein Buchladen heutzutage, um mit den Online-Riesen mitzuhalten. „Das muss jeder leisten. Ob wir uns das aber leisten konnten, wissen wir im Nachhinein auch nicht so recht“, so die Buch-Fachfrau.

Auch Dr. Alexander Scheidweiler, Inhaber der Bietigheimer Bücherstube, sieht die großen Ketten und den Internethandel als die beiden Hauptprobleme für kleinere Buchhandlungen. „Erstens gibt es Konzentrationsbewegungen im Handel und in der Verlagsbranche, was dazu führt, dass es für kleinere Spieler immer schwieriger wird, gegenüber großen Verlagen und Verlagsgruppen attraktive Händlerrabatte und Valuten zu verhandeln“, sagt Scheidweiler. Dagegen täten sich die großen Buchhandelsketten hier leichter, verfügten über einen längeren Hebel. Hinzu komme die Internet-Konkurrenz: „Insbesondere im Smartphone-Zeitalter ist es für jedermann immer einfacher geworden, nicht nur Bücher, sondern im Grunde alle Produkte zu bestellen, ohne die eigene Wohnung verlassen und sich auf Parkplatzsuche begeben zu müssen.“ Scheidweiler glaubt nicht, dass die kleineren Buchhändler das Thema Internet verschlafen haben. Fast jede Buchhandlung, auch die seine, verfüge heute über einen Webshop, doch im Netz verfestigten sich die Surf- und Kaufgewohnheiten relativ schnell: „Wer einmal ein Konto bei Amazon angelegt hat, sucht in der Regel nicht nochmal im Netz, ob er das gleiche Buch ebenfalls versandkostenfrei im Webshop eines ortsansässigen Händlers bestellen könnte.“ Die Bücherstube versucht sich laut dem Inhaber zu behaupten, indem sie Dinge anbietet, die es virtuell so nicht gibt: Eine Atmosphäre, „in der die Kunden sich hoffentlich wohlfühlen“, persönliche Gespräche und Beratung sowie Veranstaltungen wie etwa „Buch&Wein-Abende“. „Außerdem versuche ich, Bücher zu empfehlen und Verlage einzukaufen, die sich vom Mainstream abheben wie etwa Suhrkamp oder Hoffmann & Campe sowie regionale Titel, die unsere Verwurzelung vor Ort unterstreichen.“

Im vergangenen Sommer ist die Bücherstube umgezogen, seither beobachte er „einen leichten Aufwärtstrend“, sagt Alexander Scheidweiler. Er führt das darauf zurück, „dass unser neues Ladenlokal von der Hauptstraße aus besser sichtbar ist und wir eine größere Schaufensterfläche zur Verfügung haben“. Die Marktsituation in Bietigheim-Bissingen hält er für die vorhandenen Buchhandlungen für auskömmlich, „auch wenn die bedauerliche Schließung von Exlibris gezeigt hat, dass der Markt insgesamt schwierig ist.“

Gefragt nach einer Prognose, meint Scheidweiler, er glaube, dass das Sterben der kleinen Buchhandlungen weitergehen werde. „Es wird zwar immer kleine, lokal und regional verwurzelte Buchhandlungen geben, die sich mit besonderen Konzepten, persönlicher Beratung, spezieller Auswahl oder Veranstaltungen behaupten können, aber insgesamt begünstigt die allgemeine Entwicklung größere Spieler und den Netzhandel.“ Dazu trage auch bei, dass die Internet-Affinität von den nachfolgenden Generationen erwartbar eher zu- als abnehmen werde. Dieser Meinung ist auch Christine Macco von Aigner: „Es geschieht gerade ein Kulturtechnik-Wechsel. Die Romane von gestern, sind die Serien von heute.“ Niemand habe unbegrenzt Zeit, der Nachwuchs entscheide sich leider für Netflix und gegen das Buch. Der Buchladen sei ein Treffpunkt gewesen. „Wir kennen jeden zweiten Kunden beim Vornamen. Aber leider hat das nicht gereicht“, sagt Macco.

Schwerpunkt am Samstag

Die Buchmesse Frankfurt fand vom 10. bis 14. Oktober statt, am heutigen Samstag beginnen in Ludwigsburg die 35. Baden-Württembergischen Literaturtage und auch im Samstagsschwerpunkt der BZ dreht sich alles um das Buch. Gabriele Szczegulski berichtet auf Seite 10, wie ein Buch das Literaturarchiv Marbach prägte. Auf Seite 12 präsentiert sich ein Buchbinder der alten Schule, auf Seite 14 geht’s um die 17-jährige Autorin Sarah Baumgärtner aus Löchgau, auf Seite 15 schildert Günther Jungnickl die Sanierung der Pleidelsheimer Ortsbücherei und auf Seite 26 wird das Buch des Sachsenheimers Bernd Stöhr zur Serienvorlage. hevo

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