Osmanen-Prozess Schuss in den Oberschenkel

Kreis Ludwigsburg / Bernd Winckler 16.05.2018

Am achten Verhandlungstag wird es im großen Sicherheitssaal im Mehrzweckgebäude in Stuttgart-Stammheim stiller als sonst. An diesem Tag begann die Vernehmung des ersten jener beiden Zeugen, die durch „Strafmaßnahmen“ der Osmanen fast zu Tode kamen. Der 34-Jährige befindet sich im LKA-Zeugenschutzprogramm und schildert eine dreitägige Folter durch Teilnehmer der rockerähnlichen Gruppe, die er nie vergessen werde. Die Vernehmung des Ludwigsburger Opfers ist indes erneut verschoben worden – auf den 5. Juni.

An die 100 düster drein blickende Osmanen-Brüder waren am Dienstag als Zuhörer erschienen. Hunderte Polizeibeamte sicherten das Areal zwischen Zuhörern und Prozessbeteiligten. Alle bisher gehörten Zeugen beschuldigten nicht direkt die acht Osmanen auf der Anklagebank, sondern den in die Türkei untergetauchten ehemaligen Stuttgarter Osmanen-Vizechef Mustafa K. als den Rädelsführer und den „Mann fürs Grobe“.

Bereit, auszusagen

Der am Dienstag vernommene neue Zeuge sei dagegen bereit, auszusagen, lässt er das Gericht wissen, welches ihm allerdings ein umfassendes Aussageverweigerungsrecht zubilligt. Schließlich könne er auch zum Beschuldigten wegen Strafvereitelung beziehungsweise falscher Anschuldigung werden.

Anders als frühere Zeugen, bezichtigt er zwar ebenfalls als Haupttäter Mustafa K., deutet aber auch auf den Angeklagten Levent U. Er soll den Zeugen am 2. Februar des vergangenen Jahres in eine Herrenberger Wohnung gelockt haben. Offenbar wegen eines Schlafmittels in einem Getränk sei er in einen tiefen Schlaf gefallen. Aufgewacht sei er durch einen heftigen Schmerz am Kiefer. Da sei K. mit einer Rohrzange vor ihm gestanden. Damit schlug dieser weiter auf sein Kinn ein. Zähne fielen auf die Couch.

K. und die anderen Peiniger forderten Handys, Autoschlüssel, Geldbörse, Pass und Laptop. Er habe gegen die Clubsatzung verstoßen, weil er austreten wollte. Mehrere Stunden lang sei er misshandelt worden, sagt der Zeuge. Zuletzt wurde er durch einen Pistolenschuss in den Oberschenkel schwer verletzt. Später hätte eine Frau die Kugel herausgeschnitten, ohne Betäubung. Die Strafkammer hat insgesamt drei Tage für die Vernehmung des Zeugen angesetzt, bei der Polizei hatte er zunächst verschiedene Versionen geschildert.