Ludwigsburg / GABRIELE SZCZEGULSKI Am kommenden Samstag ist die diesjährige Schlossfestspielsaison beendet. Intendant Thomas Wördehoff zieht ein positives, erstes Fazit.

Noch acht Konzerte, dann ist die Saison 2016 der Ludwigsburger Schlossfestspiele Geschichte. Grund für Thomas Wördehoff, Intendant der Internationalen Schlossfestspiele Baden-Württemberg, ein vorzeitiges Fazit zu ziehen.

Bislang, so Wördehoff, haben 34.000 Besucher die Ludwigsburger Schlossfestspiele besucht. Insgesamt stehen noch acht Festspiel-Veranstaltungen in Ludwigsburg sowie in den Festspielorten Beuron, Wolfegg und Haigerloch auf dem Programm. Das bedeutet schon jetzt eine Auslastung von 80 Prozent.

Zum Vergleich: 2015, zum selben Zeitpunkt, standen nur noch drei Veranstaltungen offen, da betrug die Zuschauerzahl 33.000. Ob die 40.000er-Schallmauer erreicht wird, wagte Wördehoff nicht vorherzusagen, sprach denn auch in diesem Zusammenhang von der zunehmenden Unvorhersehbarkeit der Kartenverkäufe. „Der Trend geht dahin, dass viele Besucher ihre Karten erst eine Woche vor der Veranstaltung kaufen oder an der Abendkasse, das ist bis zuletzt ein Pokerspiel“, so der Intendant, der als Beispiel eine der 24 ausverkauften Veranstaltungen von insgesamt 65 brachte: „Ich hätte nie gedacht, dass Song Conversation mit Judith Holofernes, Gisbert zu Knyphausen und Käptn Peng zweimal ausverkauft sein würde. Das hätten wir locker im Forum machen können.“

Dahingegen, zeigte sich Wördehoff enttäuscht, seien Veranstaltungen wie „Idomeneo eher enttäuschend“ besucht gewesen. Trotz einer außergewöhnlichen und zeitgemäßen Inszenierung wäre die Mozart-Oper wohl zu unbekannt, „hätten wir die Zauberflöte inszeniert, wären mehr gekommen“, sagte Wördehoff.

Auch sei, so Thomas Wördehoff, die Konkurrenz für die 65 Veranstaltungen der Schlossfestspiele sehr groß. „Wir spüren derzeit die Konkurrenz vom Zirkus Roncalli, der im Blühenden Barock gastiert, weil unser Zuschauerprofil ähnlich ist. Da muss sich die Stadt entscheiden, will sie zur selben Zeit Festspiele und Entertainment“, übte Wördehoff Kritik.

Noch einen Trend konnte das Team um Thomas Wördehoff feststellen: Stetig wächst auch die Zahl an Jugendlichen, die die Veranstaltungen der Schlossfestspiele besuchen. „Sie kaufen vor allem an der Abendkasse die heruntergesetzten Karten zu zehn Euro“, sagte Pressesprecherin Verena Bierl. Ausverkauft war auch das Klassik Open air unter Leitung von Chefdiriegent Pietari Inkinen, das 8000 Menschen besuchten.

Überhaupt setzen sich Inkinens finnische Programme mehr und mehr durch. Weiter will der Intendant auf zeitgenössische Musik setzen: „Die Leute kaufen auch neue, moderne Autos, dann sollen sie auch neue Musik hören“, so Wördehoff, denn „Gegenwartsmusik muss sein“.

Auf jeden Fall, so Wördehoff, würde die „Linie mit Skandinaviern“, die Pietari Inkinen eingeführt hat, weitergehen. Denn: Die Vertragverlängerung bis 2019 mit dem finnischen Chefdirigenten steht kurz vor dem Abschluss. „Wir, also die Festspiele und das Orchester, können noch einiges erreichen“, meinte Inkinen. 2019 endet auch Wördehoffs Vertrag, der dann, so sagte er, Ludwigburg sicher verlasse, um sich Neuem zu widmen. Bis dahin wollten er und Inkinen ein gutes Fundament hinterlassen. Und das, so der Chefdirigent, auch gebaut mit finnischen Komponisten und Musikern, weil es gerade in Finnland„einige Meisterwerke der Musik“ gebe, die er durchaus mit Werken von Gustav Mahler oder Leonard Bernstein vergleichen könne.

2017 wird einer der Höhepunkt die Aufführung von Haydns Schöpfung mit dem spanischen Theater Las Fura del Baus in Kooperation mit der Elbphilharmonie Hamburg. Nachdem die Finnen im 99-jährigen Bestehen ihrer Republik in Ludwigsburg stark repräsentiert waren, wollen Wördehoff und Inkinen 2017 den 99-jährigen Geburtstag von Leonard Bernstein mit einer „funkelnden Gala“, so der Finne, feiern.

Zudem, so Wördehoff, würden die internationalen Koproduktionen, die „den Namen der Ludwigsburger Schlossfestspiele in alle Welt tragen“, fortgeführt.  Internationale Koproduktionen wie „Fractus V“ von Sidi Larbi Cherkaoui und das Konzert von Rebekka Bakken und dem Casal Quartett, das in Zusammenarbeit mit dem Heidelberger Frühling auch in der HebelHalle zu sehen war, hätten auch außerhalb Ludwigsburgs ein großes Publikum angesprochen.

Außerdem wurde die Song Conversation von 2015 mit Laurie Anderson, Eivind Aarset und Nik Bärtsch beim englischen Brighton Festival wiederholt. Die Koproduktion „En avant, marche!“ von Alain Platel und Frank Van Laecke, die 2015 bei den Schlossfestspielen ihre Deutsche Erstaufführung erlebte, wird 2016 insgesamt 48 Mal aufgeführt.

 

Ein Kommentar von Gabriele Szczegulski: Ein Finne entert die Festspiele

Schon nach einem Jahr als Chefdirigent ist Pietari Inkinen zum Publikumsliebling avanciert. Der Finne entert die Festspiele und den Besuchern gefällt’s. Nun hat Inkinen seinen Vertrag bis 2019 verlängert, was der weiteren Entwicklung der Festspiele zu einem Ausnahmefestival sehr zuträglich sein wird. Denn fast alle der Konzerte, die Inkinen selbst dirigierte oder konzipierte, waren ausverkauft. Und wenn der Besucherstrom nicht so floss, dann floss das Forum, wie beim finnischen Klarinettisten Kari Kriikku, vor Begeisterung über. Keiner hätte es nach dem Hickhack um den Chefdirigentenposten gedacht, am allerwenigsten Intendant Thomas Wördehoff, der überhaupt keinen wollte: Gerade Pietari Inkinen bringt die Festspiele nach vorne. Seine Verbindungen, seine Ideen und seine moderne Musikalität geben den Festspielen ein Alleinstellungsmerkmal: Nur in Ludwigsburg hört man finnische Musik und Musiker so geballt wie sonst nur in Finnland selbst und das zu Recht, denn den Finnen gehört wohl die Zukunft in der modernen Musik. Inkinen 2017 gehen zu lassen wäre fast ein Verbrechen gewesen.