Sammelleidenschaft Schellack lebt von der Nadel

Sersheim / Jörg Palitzsch 08.12.2018

Die Leidenschaft für Grammofone und Schellackplatten wurde bei Wolfgang Fessler schon bald geweckt. „Die Menschen haben früher alles aufgehoben“, erzählt der 63-jährige Müllermeister.

Als er mit seinem Vater als junger Bub das Mehl ausgefahren hat, kam er auf Dachböden und Speicher, wo Grammofone und die dazugehörigen Schellackplatten standen. So kam eines zum anderen und bei ihm wurde eine Sammelleidenschaft geweckt, die nun schon seit Jahrzehnten anhält und Fessler bis heute begeistert. In einem großen Raum, ausstaffiert mit unzähligen Autogrammen, Postern und Singles hinter Glas,    präsentiert Fessler nur einen kleinen Teil seiner Sammlung, die es aber auch schon in sich hat.

Er verfügt über rund 30 Grammofone, zum Teil mit einem großen Trichter, zum Teil als Koffergeräte mit einer eingebauten Schalldose. Gemeinsam ist all diesen Abspielgeräten die Kurbel, die die Schellackplatten auf die Standardgeschwindigkeit von 78 Umdrehungen pro Minute bringt. In der Sammlung gibt es auch einen technischen Zwitter, eine sogenannte „Hutschachtel“, die Schellack und Vinyl abspielen kann. Dies habe sich allerdings nicht durchgesetzt.

Wie viele Schellackplatten Fessler hat, weiß er gar nicht genau, derzeit ist er dabei seine Schätze zu katalogisieren. „Aber es sind Tausende“, sagt der Sammler.

Viel Fachwissen

Wenn er von seiner Plattensammlung erzählt, die in Kisten verstaut ist, kommen viel Fachwissen und Enthusiasmus zusammen. So kann er fast zu jeder der schweren schwarzen Scheiben, die aus Bariumsulfat, Schiefermehl, Ruß, Baumwollflock und Schellack als Bindemittel bestehen, eine Geschichte erzählen.

Echte Raritäten sind Sprachplatten, auf denen Winston Churchill, Paul von Hindenburg und Kaiser Wilhelm zu hören sind. Auf kleineren Schellackplatten für Kinder sind Weihnachtslieder zu hören, es gibt Militärmusik und christliche Lieder wie „Eine feste Burg ist unser Gott“. Platten mit Filmmusik von 1927, etwa von Warner Bros. Records, wurden bei Filmvorführungen eingesetzt. Einer hat die Filmkurbel gedreht, einer hat die Platten aufgelegt, wobei der Film und die Musik selten zusammengepasst haben. Trotz den Einkerbungen auf den Platten, so Fessler, die als Hinweis zum Einsatz der Musik galten.

Etwas Besonderes sind die „Schweizer Alben“, ein Ordner, in denen rund zwölf Schellackplatten in stabilen Papierhüllen Platz haben. Fessler hat, fein säuberlich eingeordnet, Alben mit Swing, Blues und Boogie. In einem Album sind die Schellackplatten der Rock‘n‘Roller Buddy Holly, Bill Haley und Chuck Berry versammelt, der Urväter der Rockmusik. Eine umfangreiche Sammlung von Elvis Presley und Marilyn Monroe darf da nicht fehlen. Es gibt ein Schweizer Album mit Liedern aus der Kriegszeit mit den Hits von Heinz Rühmann, Hans Albers und Marlene Dietrichs unsterbliches „Lili Marlee“ - und alle Schellackplatten sind weder verstaubt noch zerkratzt.

Zusammengetragen hat Wolfgang Fessler seine Sammlung auf Flohmärkten und vor allem in Norddeutschland, wo es noch Fans und Händler für Schellackplatten gibt. Ansonsten sei es nur noch  ein Thema für Insider, wobei viel Brauchbares am Markt kaum noch angeboten wird.

So behutsam Fessler mit den Platten umgeht, so behutsam hat er auch seine Grammopfonsammlung im Blick. Kleinere Reparaturen macht er selbst, für Größeres gibt es Spezialisten, wenn auch nur noch wenige. Gefährlich sei es, die Federn in den Abspielgeräten zu wechseln, erklärt Fessler.

Dünne Nadel leise, dicke Nadel laut

Eine Musikbox aus Norddeutschland sticht aus der Sammlung hervor. In einen Schlitz wirft man ein „Zehnerle“ ein. Schon dreht sich der Plattenteller und es erklingt Peter Alexander mit seinem Lied „Ich weiß, was dir fehlt“, begleitet von Kurt Edelhagen und seinem Orchester.

Ein Grammofon ist aber nur so gut, wie seine Nadel, „Schellack lebt von der Nadel“, sagt Fessler. Die wird an den Geräten, wenn die Platte aufliegt und sich dreht, umgeklappt und in die Einlaufrille aufgesetzt. Eine dünne Nadel mache die Musik leise, eine dicke Nadel laut. Diese Abspielnadeln kosten ihren Preis, wobei Fessler zu den Anfangszeiten von Ebay eine kleine Kiste erwerben konnte, „für ein Butterbrot“.

Dann zieht der Sammler aus Sersheim eine Platte aus einer Papierhülle, auf der dick „Disque Pathe“ aufgedruckt ist. Ein seltenes Stück aus Frankreich, bei der die Abspielnadel auf dem Grammofon von innen nach außen läuft. So konnten die Franzosen auch Schellackplatten auf den Markt bringen,   „eine Reaktion auf die Patente“, so Wolfgang Fessler.

Im Lauf der Jahre haben sich in der Sersheimer Mühle die Sammelgebiete erweitert. Neben  Schellack hat der Müllermeister auch „ein paar Hundert“ Vinyl-Singles. So etwa englische Titel, die es dann auch in deutscher Sprache eingespielt wurden. An der Wand hängen Singles von Lex Barker, Pierre Brice und Ken Curtis, der als Debuty Festus Haggen in der Serie „Rauchende Colts“ bekannt wurde. Die Westernhelden von einst waren auch große Schlagersänger. Mit Vinyl muss sich Wolfgang Fessler auch bei seiner Lieblingsband Creedence Clearwater Revival begnügen. Als sich die amerikanische Rockband 1967 um John und Tom Fogerty gegründet hatte, war die erfolgreiche Zeit der „78er“-Schellackplatte schon vorbei.

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel