Schwerpunkt Schäfer und Schafe Schäfer fürchten weitere Ausbreitung des Wolfs

Landkreis Ludwigsburg / frank ruppert 21.08.2018

Der Wolf ist zurück in Baden-Württemberg und das macht den Schäfern auch in der Region Angst. „Fünf Schäfer im Land sind von Wolf-Angriffen betroffen“, sagt Anette Wohlfarth, die Geschäftsführerin des Landesschafzuchtverbands auf BZ-Nachfrage. Das Thema sei schon durch immer neue Wolfsichtungen akut. Auch gehe es nicht nur um konkret gerissene Tiere, sondern ebenso um die Angst und Panik in der Herde, die durch Wölfe aufkomme. „Wenn eine Herde in Panik losrennt, kann man sie nur schwer aufhalten, auch für Menschen kann es gefährlich werden“, sagt Wohlfarth.

Laut Dr. Markus Rösler, Landtagsabgeordneter der Grünen aus Ensingen und Wolfsbeauftragter der Naturschutzorganisation Nabu, breiten sich die Tiere seit den 80er- und 90er-Jahren aus. Ende der 90er-Jahre zunächst in Sachsen und Brandenburg. 2000 habe es die ersten Wolfswelpen Deutschlands gegeben.

In Baden-Württemberg gab es laut Rösler eine Reihe von Wolfsichtungen. Im Januar 2018 tauchte ein Wolf in Korntal-Münchingen auf – zwischen Autobahn, B 10, Industrie- und Wohngebiet, also mitten im hochindustrialisierten Ballungsraum. Mit hoher Wahrscheinlichkeit derselbe Wolf riss am 8. Januar in Wiernsheim im Enzkreis ein Reh, genetisch gesichert riss derselbe Wolf aus der alpinen Population am 14. Januar in Sersheim eine Ziege. Bei weiteren Beobachtungen eines Wolfes in den Folgemonaten in Oberschwaben bei Ostrach gebe es laut Rösler eine relevante Wahrscheinlichkeit, dass es sich um dasselbe Tier handele. Wölfe können also auch in Baden-Württemberg quasi überall auftauchen, so Rösler. Wobei Beobachtungen in Ballungsräumen oder Städten meistens auf junge männliche Wölfe zurückgingen, die sich auf weiten Wanderungen befinden – auf der Suche nach einer Partnerin und einem eigenen Revier.

Die Schäfer hätten Angst um ihre Herden, meint Wohlfarth. Sie habe nichts gegen den Wolf, aber „es gibt bessere Umgebungen für das Tier als hier in Baden-Württemberg“. Zum einen sei das Land dicht besiedelt und zum anderen gebe es kaum  Wildnis sondern überwiegend Kulturland, sagt die Geschäftsführerin des Schafzuchtverbands. „Wenn ich mir anschaue, wie hoch gesichert das Wolfsgehege in Tripsdrill ist, helfen unsere Herdenschutzmaßnahmen nicht“, erklärt Wohlfarth.

Um Herden vor Wölfen zu schützen, gebe es mobile Zäune mit Strom. Diese seien allerdings aufgrund der Topografie nicht verwendbar. Auch Rösler räumt ein, dass es keinen 100-prozentigen Schutz gebe. Elektrozäune hätten in Nordportugal nach Untersuchungen der Universität Porto zu einem Rückgang von 60 bis 70 Prozent bei Wolfsangriffen und damit auch bei den Wolfsrissen geführt. Zu empfehlen seien nicht nur 90 Zentimeter hohe Zäune, sondern mindestens 105 Zentimeter, am besten 120 Zentimeter hohe Zäune – allerdings eben in Abhängigkeit von der Topografie.

Schutzhunde als Lösung

Eine andere Alternative seien Herdenschutzhunde. Dabei kommt Wohlfarth aber wieder auf die hohe Bevölkerungsdichte zu sprechen: „Weil es kaum ein Gebiet im Land gibt, das nicht erschlossen ist, käme es bei der Lösung mit Herdenschutzhunden unweigerlich zu Konflikten mit Spaziergängern oder Radfahrern.“ Den Schutzhunden sei nämlich egal, wer sich der Herde nähere. Für Rösler ist das Argument nicht unbedingt schlüssig: Es liege an der Erziehung der Hunde, wie sie auftreten. Die Hunde müssten so trainiert werden, ihre Aggressivität (nur) gegenüber Wölfen zu zeigen – so wie Drogenspürhunde und Lawinenhunde auch für ihre Aufgabe  ausgebildet werden.

Der Wolf habe keine Feinde, weder natürliche noch sonstiger Art, moniert Wohlfarth. Daher sei es wichtig, die Population zu kontrollieren und Vergrämungsmaßnahmen anzuwenden. Der Wolf verliere sonst immer mehr die Scheu. Rösler wirbt für eine Kooperation von Jägern, Naturschützern und Förstern zum Schutz von Wölfen. Naturschutz- und Jagdverbände haben den „Ausgleichsfonds Wolf“ gegründet, um die Akzeptanz für den Wolf zu erhöhen. Aus dem Ausgleichsfonds erhalten betroffene Tierhalter eine Entschädigung, wenn ein Wolf Nutztiere reißt.

Aktuell gibt es in Baden-Württemberg laut Dr. Johann Georg Wenzler, Zuchtleiter für Schafe beim Landratsamt Ludwigsburg, in Baden-Würrtemberg gut 213 000 Schafe und rund 1300 Schafhalter. Davon leben können immer wenige Schäfer. Laut Wenzler liegt der errechnete Stundenlohn für sie bei nur 6,50 Euro. Größte Einnahmequelle mit 60 Prozent ist die Pflege von Naturschutzgebieten. Auch der Verkauf von Fleisch macht mit 40 Prozent einen großen Anteil aus. Nur noch wenig bringt die Wolle ein.

Info Im weiteren Verlauf der Woche sollen im Wochenschwerpunkt der BZ unter anderem die Historie der Schafhaltung und die wirtschaftliche Gegenwart genauer beleuchtet werden.

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel