Erhebung Retten die Alten unsere Unternehmen?

Ein älterer Arbeitnehmer packt kräftig mit an: Mitarbeiter ab 55 werden angesichts des akuten Fachkräftemangels für Betriebe zunehmend wichtiger.
Ein älterer Arbeitnehmer packt kräftig mit an: Mitarbeiter ab 55 werden angesichts des akuten Fachkräftemangels für Betriebe zunehmend wichtiger. © Foto: dpa
Andreas Lukesch 24.08.2018

Die Zeit der Frühverrentungen scheint vorbei. Dieses Fazit zieht die Agentur für Arbeit in Baden-Württemberg in einem Dossier über den Arbeitsmarkt für Ältere im Südwesten. Die Erkenntnis verwundert nicht, und die Arbeitsagentur liefert die Begründung gleich mit. Während früher auf konjunkturelle Abschwünge meist mit Vorruhestandregelungen reagiert wurde, führt der inzwischen stetig steigende Personalbedarf der Unternehmen längst zu Belegschafts­engpässen. Der Fachkräftemangel ist akut, die Demografiekurve verschiebt sich nach oben und so werden ältere Menschen folgerichtig als „wichtiges Arbeitskräftepotenzial“ gesehen, wie es in der Studie heißt.

Das offenbart sich auch in der Statistik der Arbeitsagenturen, wie Birgit Festag von der Ludwigsburger Agentur berichtet. Vor einigen Jahren noch wurden Beschäftigte ab 50 Jahre als Ältere eingestuft. Mittlerweile hat sich das Einstiegsalter in diese Gruppe nach hinten verschoben, weshalb im monatlichen Arbeitsmarktbericht zusätzlich die Arbeitnehmergruppe ab 55 ausgewiesen wird. Auch das Landes-Dossier setzt bei 55 an.

Hohe Beschäftigungsquote

Die Kernaussage der Erhebung lautet: „Bei der Bevölkerung, Beschäftigung und Arbeitslosigkeit nimmt der Anteil der Älteren gegenüber den Jüngeren überproportional zu.“

So stieg zwischen 2005 und 2016 die Zahl der Erwerbstätigen um 12,8 Prozent. Unter den Älteren ab 55 Jahren war ein weit überdurchschnittlicher Anstieg von 65,8 Prozent zu verzeichnen. Besonders hoch fiel der Zuwachs unter den Frauen aus.

Einen kräftigen Beschäftigungszuwachs unter den Älteren verzeichnen die Statistiker auch bei Arbeitskräften, die über die Regelaltersgrenze hinaus arbeiten: Ihre Zahl nahm landesweit von 14 600 Menschen 2005 auf 33 300 im Jahr 2017 zu. Sogenannte „Sondereffekte“, wie die Rente mit 63, haben sich nach Beobachtung der Arbeitsagenturen kaum auf den Trend ausgewirkt.

Im Vergleich mit den übrigen Regionen in Deutschland liegt die Beschäftigungsquote (Anteil der Beschäftigten an der Bevölkerung nach Altersgruppen) im Südwesten weit über dem Durchschnitt. In der Altersgruppe von 60 bis 64 Jahren erreicht Baden-Württemberg die höchste Beschäftigungsquote aller Bundesländer (43,6 Prozent).

Ältere Arbeitnehmer werden also geschätzt in den Unternehmen, ihr Risiko, arbeitslos zu werden, ist geringer als das der jüngeren Kollegen. Doch das Arbeitsmarkt-Dossier kommt auch zu dem Schluss, dass es Arbeitnehmer ab 55 nach wie vor und trotz des steigenden Beschäftigungsbedarfs schwerer haben, wieder einen Job zu finden, wenn sie erst einmal arbeitslos geworden sind. Die Gründe  dafür sind seit Jahren unverändert: gesundheitliche Einschränkungen und veraltete Qualifikationen. Der Anteil der Langzeitarbeitslosen (mindestens ein Jahr  arbeitslos gemeldet) unter den Älteren ab 55 Jahren ist mit 43,2 Prozent nahezu doppelt so hoch wie bei den Jüngeren (25,4 Prozent). Dabei haben Frauen noch deutlich schlechtere Karten als Männer.

Die Ludwigsburger Arbeitsagentur unterstützt laut Festag Arbeitgeber, die ältere Arbeitslose einstellen. Zudem gibt es zwar keine speziell auf die Altersgruppe ausgerichteten, aber dennoch vielfältige Qualifizierungsmöglichkeiten.

Insgesamt sehen die Arbeitsmarktforscher „Potenziale unter den älteren Beschäftigten und Arbeitslosen, die zur Verringerung der Fachkräftelücke bisher noch nicht genutzt wurden“, wie es in dem Dossier heißt. Als Beispiel werden unter anderem ältere Teilzeitbeschäftigte genannt, deren mögliches Arbeitsvolumen bei Fachkräfteengpässen bisher nur wenig abgerufen werde.

Empfehlung: Teilzeitrente

An die Politik geht die Empfehlung einer Teilzeitrente, die den  Anreiz biete, länger als ursprünglich geplant im Arbeitsleben zu verbleiben.

Bei der Qualifikation ist ebenfalls viel Luft nach oben: 2017 traten 30 600 ältere Arbeitslose landesweit in sogenannte arbeitsmarktpolitische Maßnahmen ein, darunter knapp 2000 in eine berufliche Weiterbildung. In diesem Segment sind ältere Arbeitslose demnach deutlich unterrepräsentiert. Grundsätzlich kommen die Arbeitsmarktforscher somit zu dem Schluss: „Wenn vorhandene berufliche Qualifikationen älterer Arbeitsloser nutzbar gemacht werden sollen, muss dieses Förderinstrument offensiver angeboten werden.“

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